Buchbesprechung: Kreativität das neue Buch von Melanie Raabe

Ein inspiriendes Buch über Kreativität

Über das Buch

Stephanie und ich haben zusammen das erste Sachbuch der Krimiautorin Melanie Raabe gelesen. Es trägt den Titel „Kreativität. Wie sie uns mutiger, glücklicher und stärker macht“. Ich bin eine fleißige Hörerin von „Raabe und Kampf“, dem Kreativitäts-Podcast, der Künstlerinnen Melanie Raabe und Laura Kampf. Daher weiß ich, dass die Autorin das Buch im vergangenen Jahr schrieb, während uns Corona überrollte. Es wurde sogar noch gegen Ende 2020 veröffentlicht. Was für ein Tempo für die Entstehung eines Buchs!

Einige von Euch haben das Buch parallel mit mir gelesen und wir waren im kontinuierlichen Austausch. Das hat mich ehrlich gefreut. Es hat mir wieder gezeigt, dass für viele von Euch Kreativität ein wichtiger Wert ist, und das ist doch eine wunderbare Basis für eine Freundschaft.

Heute sprechen Stephanie und ich stellvertretend über unser Leseerlebnis. Wir sprechen über Selbstzweifel, den Kreativitäts-Begriff an sich, die Bedeutung von Konstanz und warum Produktivität für uns Fluch und Segen zugleich ist.

Wer liest?

Stephanie ist ein kreativer Geist. Das merke ich immer wieder daran, wenn sie Erlebnisse und Geschichten auf ihre fantasievolle Art beschreibt. Sie testet regelmäßig neue künstlerische Ausdrucksformen. Kennengelernt habe ich sie als Hobby-Fotografin, dann durfte ich ihre berührenden Texte lesen und aktuell begeistert sie sich für Malerei. Alles trägt ihre unverwechselbare Handschrift. Ich freue mich schon auf all die Kunstformen, die sie im Laufe der Zeit noch für sich entdecken wird.


Unser Buchgespräch

Wiebke: Normalerweise würde ich dich zu Beginn des Gesprächs fragen, weshalb du das Buch ausgewählt hast. Aber diesmal habe ich dich gefragt, ob du dieses Buch mit mir lesen möchtest. Denn zum einen bist du für mich dafür prädestiniert, um über das Thema Kreativität zu sprechen, und zum anderen verbindet uns ein gemeinsames Schreib-Projekt, das wir während unserer Studienzeit umgesetzt haben.

Stephanie: Stimmt, das haben wir eine ganze Weile verfolgt und ich bin noch heute überrascht, dass es wirklich funktioniert hat und wir dabeigeblieben sind. Wir haben uns jeden Tag hingesetzt und jede von uns hat etwas geschrieben und anschließend haben wir darüber gesprochen.

Wiebke: Es hat eine Routine ins Schreiben gebracht. Das ist ein Punkt, über den Melanie Raabe im Buch ebenfalls schreibt, daher musste ich bei der Lektüre öfter an unser Projekt von damals denken. Hat dir denn das Buch gefallen?

Stephanie: Gerade bei der Vorbereitung auf unser Gespräch ist mir aufgefallen, dass mich das vierte Kapitel eingefangen hat. Der Stil hat mich sehr angesprochen. Das Kapitel ist kurz und prägnant. Aber vor allem spricht es mich an, da es genau meine Themen behandelt. Hier hatte ich das Gefühl, als würde mir der Spiegel vorgehalten werden. Aber nicht auf eine unangenehme Art, sondern wohlwollend. Da schreibt eine Autorin, die diese Gefühle kennt. Zu erfahren, dass diese Themen viele kreative Menschen beschäftigen, war sehr spannend. In dem Kapitel geht es um Zweifel, Introvertiertheit, Perfektionismus, Ängste, Prokastination und vieles mehr. Insgesamt muss ich sagen, dass gerade die Lebensgeschichten oder Beispiele von Kreativen, die immer wieder eingestreut werden, für mich sehr ansprechend waren. Trotzdem muss ich auch sagen, dass es mir an einigen Stellen zu langatmig war. Ich hatte mir vor allem praktische Impulse erhofft, um selbst wieder kreativ zu werden. Das blieb zu Beginn aus, im Verlauf änderte sich das. Ich habe mich manchmal ungeduldig beim Lesen gefühlt, auch da gewisse Themen an mehreren Stellen im Buch aufgegriffen werden. Dieser Eindruck ist eventuell aber daher entstanden, da mir viele Themen aus dem Buch schon bekannt waren. Vielleicht erschien es mir daher gedoppelt. Jemand, der sich zum ersten Mal mit dem Thema Kreativität beschäftigt, braucht diese Wiederholungen eventuell, um diese Punkte noch einmal klar vor Augen zu haben.

Wiebke: Du bist also schon Fortgeschrittene und das Buch ist eher für Anfänger:innen gedacht?

Stephanie: So habe ich das jedenfalls empfunden.

Darum geht’s in aller Kürze

Wiebke: Dann lass uns das Buch jeweils einmal kurz und knackig zusammenfassen, damit wir auf einem gemeinsamen Stand sind.

Stephanie: Ich habe mir Folgendes notiert:

„In dem Buch versucht die Autorin meines Erachtens, mithilfe persönlicher und fremder Anekdoten die Lesenden dazu zu ermutigen, die eigene Kreativität auszuleben. Konkret veranschaulicht sie u. a., dass Kreativität nicht bedeutet, hochbegabt oder ein Genie sein zu müssen, und mit welchen Hindernissen oder Hemmnissen viele Menschen konfrontiert sind, wenn sie kreativ sein wollen. Auch gibt sie, oft auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen, Tipps oder Empfehlungen, wie sich Alltag und kreatives Schaffen vereinbaren lassen. Im sechsten von insgesamt sieben Kapiteln richtet sie sich an Menschen, die vorhaben, ihr kreatives Hobby – so wie sie – zum Beruf zu machen.“

Wiebke: Schön zusammenfasst. Ich habe das diesmal nicht so elaboriert vorbereitet. Aber ein Kontrast ist immer gut.

„Melanie Raabe lädt mit ihrem Buch alle ein, sich auf die eigene Kreativität zu besinnen. Sie klärt auf, in welchen Facetten uns Kreativität im Alltag begegnet und plädiert dafür, sie als Kraft zu begreifen und ihr im Leben mehr Raum zu geben.“

Stephanie: Mir ist mit Hilfe deiner Formulierung der Titel des Buchs jetzt einleuchtend. Denn das ist ein Punkt, über den ich mir sehr viele Gedanken gemacht habe. Ich hatte den Eindruck, dass der Untertitel gar nicht so gut passt, weil ich gar nicht erfahren hatte, wie Kreativität uns mutiger, glücklicher oder stärker macht. Ich hatte es eher als Hypothese gelesen und wir schauen im Verlauf des Buchs, wie wir Kreativität konkret umsetzen. Aber so wie du es zusammengefasst hast, kommt die Essenz, die zwischen den Zeilen mitschwingt, stärker heraus. Wir werden nicht wegen der Kreativität mutiger sein, sondern wir sollen mutiger sein, um kreativ zu werden. Mut haben, unsere Kreativität zu leben.

Wiebke: Oder es fordert dazu auf, im Alltag den Fokus stärker darauf zu legen, wo wir Kreativität bereits zelebrieren und uns darüber gar nicht bewusst sind. Das ist interessant, dann lassen sich in den Zusammenfassungen unsere unterschiedlichen Erwartungshaltungen an das Buch herauslesen. Aber wenn wir schon bei Kreativität im Alltag sind, bringt mich das zu meiner nächsten Frage: Wann warst du heute kreativ?

Kreativität im Alltag

Stephanie: Lass mich mal überlegen. Ich glaube, ich war nämlich heute kreativ – oder doch nicht? Oder war das gestern? Ein Nebeneffekt vom ständigen Zuhausesein ist, dass ich kein Zeitgefühl mehr habe, es verschwimmt alles. Ich habe heute Tagebuch geschrieben und vorgestern habe ich ein eigenes Muffin-Rezept kreiert. Vor kurzem habe ich an einer Zeichnung gearbeitet. Aber ansonsten war ich aktuell nicht sehr kreativ.

Wiebke: Hattest du heute vielleicht einen kreativen Gedanken? Manchmal wandern die Gedanken und wir sehen Bekanntes in neuem Licht, das ist nirgendwo dokumentiert oder sichtbar.

Stephanie: Also es ist tatsächlich so, dass im Alltag manchmal Ideen aufkommen, dann denke ich: „Dazu könnte ich eine Geschichte oder ein Foto machen“. Aber nein, das hatte ich heute nicht.

Wiebke: Ich muss diese Frage heute leider auch verneinen. Vielleicht habe ich in Social Media einen Beitrag originell kommentiert. Aber es gibt andere Tage, an denen ich Interessanteres berichten könnte. Aber das finde ich für dieses Gespräch auch nicht problematisch, denn es zeigt, dass Routinen und zu viele Verpflichtungen Kreativität abtöten können. Jedenfalls ist das bei mir so. In den letzten Jahren hatte ich ständig Stress und Verpflichtungen. Meine Kreativität kommt jetzt erst zurück. Ich versuche dieser Fähigkeit wieder bewusst Raum zu geben. Ich fühle mich an Tagen zufriedener, an denen ich kreative Gedanken hatte oder etwas Nettes ohne Sinn und Zweck getan habe. Aber ich kann leider nicht sagen, dass ich das täglich erlebe. Das geht zwischen all der Disziplin, den To-do-Listen und dem Ringen um Struktur unter. Das ist traurig, denn Kreativität ist eigentlich ein Problemlöser. Wenn ich also stoisch Dinge abarbeite, stehe ich mir eigentlich selbst im Wege. Ich denke, ich sollte öfter üben, von Situationen mental zurückzutreten. Denn Distanz ermöglicht einen anderen Blick auf Dinge. Da habe ich schon Fortschritte gemacht, aber es gibt noch Potential. Ein Tag ohne Kreativität ist ein grauer Tag.

Ich war für einen begrenzten Zeitraum von Verpflichtungen befreit. Das war eine Zeit und eine Aktivität ganz ohne Druck.

Stephanie über Voraussetzungen für Kreativität

Stephanie: Das Gefühl kenne ich auch. Ich komme aus der Übung, umso mehr ich in die Mühlen des Alltags gerate. Die letzte kreative Phase, in der ich ganz im Prozess aufging, hatte ich zwischen meinem letzten und dem neuen Job. Ich bin morgens aufgestanden, um zu malen. Gar nicht für ein Ergebnis, sondern aus Freude, um eine neue Technik auszuprobieren. Das war einfach schön. Ich war für einen begrenzten Zeitraum von Verpflichtungen befreit. Das war eine Zeit und eine Aktivität ganz ohne Druck. Diese Erfahrung hatte ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht und sie kam nur zustande, weil die Routine aufgebrochen war. Ich wusste, dass der Zeitraum begrenzt ist, danach würde etwas Neues beginnen, auf das ich mich freute. Ich konnte mich in diese „Zwischenzeit“ hineinfallen lassen. Wenn ich hingegen lange Phasen ohne Struktur erlebe, so wie z. B. jetzt gerade, wenn wir alle zu Hause sind, hemmt das meine Kreativität. Ich habe eigentlich Zeit und bin vermeintlich frei, aber wiederum auch nicht. Denn die Sachen, die mir am Herzen liegen, kann ich nicht umsetzen. Es gibt also einerseits Routinen von Arbeit und Alltag, die einschränken und Kreativität stören; aber andererseits auch Phasen, in denen es keine Struktur gibt, die sehr viel Disziplin erfordern, die ebenfalls unkreativ machen.

Was ist eigentlich Kreativität?

Wiebke: Ich kann das auch bestätigen. Zeitverknappung macht produktiv – also kreativ produktiv. Mit Produktivität ist für mich jedoch meist der Begriff Effizienz verbunden und mit diesem Gedanken habe ich so meine Probleme. Ich habe diesen Anspruch selbst ganz oft und ich bemerke ihn auch bei anderen. Inzwischen scheint es fast eine eigene Tugend zu sein: Den Tag möglichst effektiv nutzen. Aufgaben in eine ideale Reihenfolge zu bringen, damit alles wie ein Puzzle ineinandergreift. Aber darin gibt es keine Pausen – jedenfalls bei mir. So wie du es gerade beschrieben hast. Es braucht einen Raum mit Struktur und dann einen Freiraum, in dem wir uns fallen lassen können. Ohne Pausen gibt es keinen Raum für Kreativität. Mein Effizienz-Anspruch frisst diese Pausen machmal auf, damit sabotiere ich mich im Grunde selbst. Kreativität ist menschlich. Wir sind alle kreativ – auch wenn wir uns manchmal darüber nicht bewusst sind. Das ist vielleicht sogar die Kernaussage des Buchs. Mir hat das Buch bewusst gemacht, dass Kreativität mein Antrieb ist. Sie ist der gemeinsame Nenner meiner Entscheidungen, für die vielfältigen Erfahrungen, die ich gesammelt habe. Das habe ich vorher nicht erkannt. Das liegt an der offenen und weiten Definition von Kreativität, die Melanie Raabe im Buch anbietet. Es gibt vielfältige Formen, in denen sich Kreativität äußert. In diversen Ausdrucksformen und den großen und kleinen Dingen. Daher ist mir das Buch wichtig. Ich habe darin keine handfesten Tipps gesucht, sondern wollte mir selbst wieder Lust darauf machen, offener zu sein. Ich wollte meinen Blick verändern und das hat funktioniert.

Stephanie: Das habe ich auch so wahrgenommen. Dieser Gedanke, dass in kleinen Dingen des Alltags Kreativität steckt, war sehr ermutigend. Mir wird gerade bewusst, dass meine Definition von Kreativität bisher immer bedeutete, dass ein künstlerischer Wert dahinterstehen muss. Das hat mich oft gehemmt. Daher hat mir das Buch eine wichtige Erkenntnis ermöglicht. Für mich hat Kreativität bedeutet, ein Kunstwerk zu erschaffen. Es hieß, dass ich darin gut sein und das Werk vor anderen bestehen müsste. Bewertung spielte dabei eine wichtige Rolle. Die Autorin betrachtet Kreativität jedoch ganzheitlich. Sie legt anschaulich dar, dass es im Grunde um Spaß und den Prozess geht. Es geht darum, den eigenen Leidenschaften nachzugehen, die Kraft geben. Sie beschreibt, dass viele kreative Taten dazu führen, dass man weiterdenken kann. Denn wenn ich beginne, den Blick zu öffnen, fallen mir häufiger andere Dinge auf als zuvor. Mir kamen früher viele kreative Gedanken beim Zugfahren, einfach wenn ich aus dem Fenster sah – Bilder oder Geschichten, die niemals aufgeschrieben wurden. Beispielsweise in Büschen, die am Rand stehen und sich im Wind wiegen, winkende Hände zu sehen. Das sind Gedanken, die mich zum Schmunzeln bringen. Wenn ich daran denke, wie viel Kraft mir diese Fantasie damals gegeben hat… Das ist jedoch etwas, dass mir im Laufe der Zeit abhandengekommen ist. Wenn ich heute Zug fahre, schlafe ich oder schaue aufs Handy oder höre Musik und wenn ich Glück habe, spinne ich mir daraus etwas zusammen.

Wenn es dir wichtig ist, bleib dran!

Wiebke: Neben all den motivierenden Impulsen und neuen Erkenntnissen, gab es für mich einen wehmütigen Moment bei der Lektüre. Du hast vorhin gesagt, dass du den Eindruck hattest, dass sich das Buch eventuell an Anfänger:innen richtet, die sich voller Tatendrang in das Thema stürzen. Wir beide haben uns auf dem kreativen Weg schon Blessuren geholt. Wir haben zwar persönliche Erfolgsgeschichten gesammelt, aber wir sind auch schon einige Jahre versumpft.

Stephanie: Versumpft ist ein guter Ausdruck dafür.

Wiebke: Mir ist bei der Lektüre bewusst geworden, wie viel Zeit ich verloren habe, indem ich gezweifelt habe und diesen hemmenden Wertebegriff hatte. Ich dachte, so wie du es auch geschildert hast, dass Kreativität vor allem das Ergebnis ist und der Weg dahin nicht zählt. Ich habe das nicht als Ganzes gesehen. Besser gesagt, für andere konnte ich das durchaus gelten lassen, jedoch nicht für mich. Ich habe meine Entwicklung in diesem Bereich nicht gesehen, sondern nur als unstet wahrgenommen.  Dabei ist mir eine Geschichte eingefallen, die erklärt, warum es so wichtig ist, etwas zu tun und daran festzuhalten, wenn man es gerne macht – unabhängig davon, ob es ein Beruf ist oder ob überhaupt irgendjemand zuschaut.

Vor ein paar Jahren besuchte ich eine Freundin in Straßburg. Sie wohnte dort in einer alten Villa, die einer Dame gehörte. Die Dame lebte selbst in einer Seniorenresidenz und ihr Haus vermietete sie an Studierende. Es war wie aus dem Bilderbuch. Ein abgerocktes Gebäude mit knarzender Holztreppe. Der Flur war vollgehängt mit alten Ausstellungsplakaten aus den 80er Jahren, in den Wohnungen Reise-Souvenirs und Spuren eines Lebens. Alles erzählte die Geschichte einer Familie, die dort einmal gelebt hat. Ich habe die Dame niemals kennengelernt, aber sie war omnipräsent. Mit ihr verband ich eine Gastfreundlichkeit und Weltoffenheit, das allein war beeindruckend. Diese Dame hat ihr Leben lang gemalt und gezeichnet und die Bilder waren im ganzen Haus verteilt. Es gab kein Zimmer, in dem nicht mindestens ein gerahmtes Bild von ihr hing. Sie waren alle signiert und datiert. An Motiven, Themen, Stilen und Materialien war zu erkennen, was sie über die Jahrzehnte beschäftigte. An den Bildern ließ sich ihre Entwicklung ablesen. Sie hat nur für sich gemalt und die Bilder nur für sich aufgehängt. Ziel war weder ein Verkauf noch ein Publikum aus Studierenden. Es stecken viele Themen in dieser Geschichte. Die Dame hat in ihrem eigenen Haus kuratiert. Sie hat bestimmten Bildern durch die Rahmung Bedeutung verliehen, überlegt, welche Bilder sie täglich vor Augen haben mag, was in ihrem Schlafzimmer hängen soll, welche Bilder sie ins Gästezimmer hängt oder im Flur zu sehen sind, wenn der Postbote klingelt. Es ging um Selbstvergewisserung und Identität. Diese Geschichte hat mir vor Augen geführt, was Konstanz bedeuten kann. Einfach dranbleiben ist das Credo. Denn am Ende des Lebens können wir auf etwas Besonderes zurückblicken. Im Rückblick ergeben sich wieder andere Perspektiven. Das möchte ich auch einmal erleben. Es ist so wertvoll, eine persönliche kreative Ausdrucksform zu finden und daran festzuhalten – unabhängig von Bewertungen anderer.

Stephanie: Das ist schön. Solche Geschichten, werden im Buch auch immer mal wieder aufgegriffen. Deine Erzählung passt dazu.

Mir gefiel ihre bodenständige Art, dass sie eben nicht den Eindruck vermittelt, nur besonders innovative Ideen hätten eine Daseinsberechtigung

Stephanie über die symphatische Autorin

Wiebke: Was hat dich persönlich an dem Buch angesprochen?

Stephanie: Vieles haben wir schon erwähnt. Persönlich angesprochen hat mich auch die sympathische Autorin. Mir gefiel ihre bodenständige Art, dass sie eben nicht den Eindruck vermittelt, nur besonders innovative Ideen hätten eine Daseinsberechtigung oder als wisse sie als erfolgreiche Autorin ganz genau, wie der Hase läuft. Denn sie schildert gelegentlich persönliche Hürden, die sie auf ihrem Weg meistern musste. Dadurch konnte ich mich an einigen Stellen sehr gut mit ihr identifizieren – und manchmal fühlte ich mich sogar etwas durchschaut. Sowohl die immer wieder eingestreuten Empfehlungen (für Websites, Podcasts und Apps) als auch die Geschichten aus dem Leben berühmter Menschen finde ich unterhaltsam. Das Buch hat mir vor Augen geführt, dass ich die Alltagskreativität wieder mehr in meinem Leben haben möchte.

Das hätten wir gerne früher gewusst

Wiebke: Im Vorhinein habe ich dich gefragt: „Wenn du eine Postkarte an dein jüngeres Ich schreiben würdest. Welche drei Tipps oder kleinen Geschichten würdest du aufschreiben?“

Stephanie: Es ist eher ein Brief als eine Postkarte geworden. Ich habe mir einige Stellen aus dem Buch herausgesucht, die mir wichtig sind und mein jüngeres Ich bestimmt angesprochen hätten:

Du musst keine offiziell anerkannte Künstlerin werden und es macht trotzdem Sinn, dir Zeit zu nehmen, um kreativ zu sein. Denn dies lässt dich aufblühen und gibt dir Kraft und Motivation für die alltäglichen Herausforderungen.

Vgl. „Kreativität“, S. 39.

„Zu hohe Erwartungen töten Kreativität.“ Erwarte keinen Lohn oder Anerkennung für das, was du machst, denke also nicht an die Reaktionen auf das Ergebnis, sondern genieße den Prozess. Dich bewegt und beschäftigt etwas, das möchtest du kreativ verarbeiten. Tu es und denke nicht darüber nach, was andere dazu sagen könnten oder damit anfangen würden.

Vgl. „Kreativität“, S. 205.

Wenn du deine Produkte zeigst oder teilst, merke dir: Kritik sagt in erster Linie nichts über dich und dein Werk aus, aber eine Menge über die Person, von der sie kam . Es dauert lange, es braucht Durchhaltevermögen und es macht doch Spaß und Freude, eine Sandburg zu bauen. Sie zu zerstören dauert eine Sekunde und erfordert nichts außer Zerstörungswillen. Hab‘ also keine Angst vor der Meinung anderer, schäme dich nicht für das, was du tust. Denn du machst es mit Leidenschaft, du investierst viel Zeit und Gedanken und es erfüllt dich, auch wenn das Produkt nicht perfekt oder ein Meisterwerk ist.

Vgl. „Kreativität“, S. 210-212.

Dieses Bild von dem Kind war für mich anschaulich. Es hat mühevoll seine Sandburg aufbaut und dann kommt jemand und tritt rein. Das hat mich sehr berührt und ich glaube, das wäre schon meinem früheren Ich so gegangen.

Wiebke: Vor allem helfen Bilder sehr dabei, Dinge zu verinnerlichen. Sie können leicht mit dem Gefühl verknüpft werden. Die ausgewählten Passagen aus dem Buch greifen auf, was wir vorher schon lose besprochen hatten. Schön, damit haben unsere Leser:innen gleich die passenden Textstellen parat.

Stephanie: Was würdest du denn deinem jüngeren Ich mitteilen?

Wiebke: Nachdem ich das Buch fertiggelesen hatte, schrieb ich aus dem Zusammenhang diese Postkarte:
„Fang einfach an. Kultiviere deinen besonderen Blick auf die Welt. Auch wenn dich einige Menschen dafür vielleicht seltsam finden könnten. Kreativität ist dein persönlicher Schatz. Menschen, die dich lieben, lieben dich für diese besondere Art. Wenn du dir treu bleibst, wirst du auch andere Menschen dazu inspirieren. Kultiviere die großen und kleinen kreativen Gedanken – auch die originellen Antworten und die kleinen Gesten. Und hab‘ immer ein Notizbuch dabei!“

Stephanie: Das sind Tipps, die ich nicht nur für mein jüngeres Ich, sondern auch für jetzt gerne festhalten würde. Einfach, um mich immer mal wieder daran zu erinnern.


Wir haben diese Ausgabe gelesen:
Melanie Raabe: Kreativität. Wie sie uns mutiger und stärker macht, btb, München 2020, [ISBN: 978-3-442-75892-0, Hardcover, 325 Seiten.]

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Ein gutes Buch: „Unorthodox“ von Deborah Feldman

Vielleicht kennt ihr bereits die gleichnamige Mini-Serie, die 2020 bei Netflix erschien. Es handelt sich dabei um eine Adaption des autobiographischen Romans „Unorthodox“ von Deborah Feldman. Die Serie ist vom Buch nur inspiriert. Beide stehen eigenständig für sich selbst. Als ich letztes Jahr den Trailer sah, hatte ich vom Buch bereits gehört und die Geschichte machte mich neugierig. Mir gefiel die Bildsprache des Trailers und ich erlag dem Reiz einer unbekannten Kultur. Ich wollte mehr wissen. Die Verfilmung war beeindruckend, daher habe ich mich nun an die Lektüre der Buchvorlage gemacht. Ein starkes Buch, eine starke Verfilmung. Mir hat beides viel gegeben.

„Unorthodox“ wird als Enthüllungsbuch bezeichnet, da die Autorin ihre Erlebnisse in einer geschlossenen, religiösen Gemeinschaft mit der Öffentlichkeit teilt und sie kritisch hinterfragt. Ich habe das Buch vor allem als die ergreifende Autobiographie einer Frau meiner Generation gelesen. In entwicklungspsychologischer Hinsicht gelingt die Identifikation mit der Erzählerin sehr gut, doch findet diese Entwicklung in einem repressiven Umfeld statt. Ich war immer wieder darüber schockiert, welche Erfahrungen Feldman machte und wie unfrei sie erzogen wurde. Dieses Buch hat mir meine Privilegien wieder einmal vor Augen geführt.

Im Kontrast zur bitteren Realität der Handlung steht die innere Stärke und Haltung der Autorin. Dies macht die Geschichte von Deborah Feldman für mich so faszinierend. Sie berichtet über ihr Leben in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde der Satmarer in New York. Hineingeboren in eine chassidische Familie bestimmen religiöse Regeln ihr Leben, sie fühlt sich eingeengt und nicht zugehörig. Für Frauen lässt ihr Umfeld nur den Lebensentwurf der devoten Ehefrau und Mutter zu und innerhalb dieser Rolle gibt es keinen Raum für Individualität oder Selbstverwirklichung. Im Laufe der Jahre entfernt sich Feldman langsam von den strengen Werten und Normen. Mit Mitte zwanzig beschließt sie in ein unabhängiges Leben außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft aufzubrechen. Von dieser Entwicklung erzählt Feldman eindrucksvoll in ihrem Roman.

Die traditionelle Welt, in der die New Yorkerin aufwächst, scheint fast zeitlos zu sein. Obwohl Rauchwolken den Himmel verdunkeln, erreicht sie am 11. September 2001 die Nachricht von den Terroranschlägen wie aus einer anderen Welt. Dieses Ereignis und das gelegentliche Aufblitzen von Popkultur sind zeitliche Markierungen aus weiter Ferne. Bücher, Musik und Mode stehen für eine fremde Welt, nach der sich die junge Frau sehnt.

Bücher haben eine wichtige Bedeutung für Feldman. Die Mehrheit an Literatur ist ihr verboten, doch sie liest trotzdem. Bücher sind ständig ein Thema. Mal werden sie heimlich gelesen, mal schmerzlich vermisst. Sie sind das Tor zu einer anderen Welt, vermitteln neue Ideen und ermöglichten es ihr eine weitere Sprache zu lernen. Beeindruckend ist auch ihr Mut, mit dem sie Chancen ergreift. Mit jedem Buch und jeder Begegnung emanzipiert sie sich und der Glaube an ihre eigene Selbstwirksamkeit wächst. Bildung ist der Schlüssel zu ihrem neuen Leben.

Die Geschichte ist psychologisch klug erzählt. Ich konnte mich in die Protagonistin sehr gut einfühlen und auch die weiteren Personen sind empathisch beschrieben. Zwar teilt die Autorin nicht jede dieser Meinungen oder heißt deren Verhalten gut, doch kann sie andere Perspektiven und Lebensentwürfe plausibel vermitteln. Dabei zeigt sie das Dilemma auf, in das Menschen geraten können.

Die feinfühlige Erzählung von Feldman und die Einblicke, die sie in die Lebensart der chassidischen Glaubensgemeinschaft mit ihren Regeln und Traditionen gewährt, hat das Buch für mich zum echten Pageturner gemacht. Auch wenn Feldmans Jugend, mit ihren vollkommen anderen Erfahrungen, auf mich fremd wirkt und traurig macht, erzählt sie zugleich eine Geschichte über Emanzipation und die Suche nach einem authentischen Leben – und das ist uns wohl allen sehr vertraut.

Mein Fazit: Eine bewegende Geschichte. Unbedingt lesen!


Ich habe diese Ausgabe gelesen:
Deborah Feldman: Unorthodox, (engl. Erstausgabe 2012), 6. dt. Aufl., Secession Verlag für Literatur, Zürich 2016.

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Vorschau: „Kreativität“ von Melanie Raabe

Vorschau nächste Buchbesprechung

Das erste Buchgespräch in 2021

Was kommt hier als Nächstes? Als erstes Buch im neuen Jahr besprechen Stephanie und ich das neuerschienene Sachbuch der Krimiautorin Melanie Raabe. Es geht um Kreativität. Da die Freundschaft von Stephanie und mir mit einem Schreib-Projekt begann, ist es das perfekte Buch, um es mit ihr für diesen Blog zu lesen.

Kennt ihr das, wenn ihr Bücher in kleinen Häppchen lest, damit ihr den Lesegenuss etwas in die Länge zieht? Was mir bei Schokolade einfach nicht gelingen will, klappt bei richtig guten Büchern ganz gut – ein Genuss in Maßen ist möglich. Zugegeben es ist leichter, wenn mich parallel noch andere Bücher beschäftigen. Das Buch von Melanie Raabe ist so ein Fall. Ich freue mich immer auf die Lektüre und wünschte, es wäre noch etwas dicker. Dieses Buch nun zusammen mit Steffi zu lesen, ist ein schöner Ausblick für 2021. Denn Gespräche über gute Bücher verdoppeln ohnehin die Freude des Lesens. Hier geht’s zum fertigen Buchgespräch.

Melanie Raabe: Kreativität. Wie sie uns mutiger und stärker macht, btb, München 2020, [ISBN: 978-3-442-75892-0, Hardcover, 325 Seiten, 20 Euro.]

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Buchbesprechung: Unterleuten von Juli Zeh

Buchgespräch zum Bestseller

Über das Buch

Amira und ich sprechen über einen modernen Gesellschaftsroman. Im Jahr 2016 erschienen, hat sich der Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh inzwischen zur Pflichtlektüre entwickelt. Scheinbar haben ihn schon alle gelesen. Mir haben Freundinnen jedes Mal berichtet, wie entsetzt sie vom Ende waren. Das hat mich neugierig gemacht. Die Lektüre fühlt sich wie ein unerträglicher Mückenstich an. Wir jucken, bis es blutet. Das ist zwar unangenehm, aber gleichzeitig sehr befriedigend. Amira und ich reden über Vater-Tochter-Beziehungen, große Egos, Perfektionismus und den Wunsch über persönliche ostdeutsche und westdeutsche Biografien zu sprechen – da es 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, um mehr geht als Stereotype.

Wer liest?

Amira arbeitet am Theater und sie zieht ganz gern um – das haben wir gemeinsam. Vielleicht ist ihr Ziel einmal in allen Bundesländern gelebt zu haben – das bleibt ihr Geheimnis. Nach Stationen in Sachsen und Sachsen-Anhalt wohnt sie jetzt irgendwo in Bayern.


Das hat uns bewegt

Wiebke: Gut, dass wir über die Geschichte sprechen. Mich hat sie etwas verwirrt – oder sogar verstört – zurückgelassen. Warum hast du dir den Roman „Unterleuten“ ausgesucht? Was hat dich an der Geschichte besonders angesprochen?

Amira: Da ich selbst einige Jahre in Ostdeutschland gelebt habe, hat mich das Setting gelockt. Schlussendlich hat sich herausgestellt, dass der Roman keine „ostdeutsche“ Geschichte erzählt. Sie hätte in großen Teilen auch von einem westdeutschen Örtchen handeln können. Aber die regionalen Bezüge – z. B. zur DDR-Geschichte oder der große Kontrast zwischen der nahen Hauptstadt und dem Landleben – gibt es in dieser Art selbstverständlich nur in Brandenburg. Als ich das Buch las, hatte ich gerade die Serie „Warten auf‘n Bus“ gesehen. Das Leben auf dem Land im Osten beschäftigte mich daher.

Ich finde an dem Roman die Beschreibung vom Dorfleben spannend und mich haben die ostdeutschen und westdeutschen Biografien interessiert und die Dynamik, wenn Menschen mit beiden Sozialisationen aufeinandertreffen. Diese Details reizen mich, da ich mich persönlich mit ihnen schon oft beschäftigt habe. Mein Freund kommt selbst aus Rostock. Irgendwann möchte ich gerne kapieren, was da passiert, wenn sich Menschen mit diesen Hintergründen begegnen. Das Buch hilft dabei Menschen mit ihren Schicksalen zu sehen und Stereotype zu hinterfragen. Alle haben ihren einzigartigen Lebenslauf.

Wiebke: Das Buch hast du auch ausgewählt, da du dir eine Verständnishilfe erhofft hast? Diesen Wunsch habe ich bei mir auch schon bemerkt. Wir gehören beide zur ersten Generation, die im wiedervereinten Deutschland aufgewachsen ist. Die Grenze war plötzlich weg, aber das Zusammenwachsen ist ein längerer Prozess. Denn erst mit den Jahren vermischen sich die Leben weiter miteinander und es gibt mehr Berührungspunkte. In dem Buch kommen häufiger Wünsche für die nächste Generation vor. Es geht dabei, um die Auseinandersetzung mit sich selbst, was wir weitergeben, was wir hinter uns lassen und was die Kinder besser machen sollten.

Ich habe kürzlich begonnen den Podcast „Kohlkids“ zu hören. Hier werden genau solche Themen besprochen. Scheinbar gibt es ein Bedürfnis sich auszutauschen. Wir stellen uns Fragen, darüber wie die Sozialisierung im Westen und im Osten war und wie es erlebt wird, wenn auf einmal ein System nicht mehr vorhanden ist, in dem man aufgewachsen ist. Auch wenn es hier keine abschließenden Antworten gibt, ist es doch wichtig darüber zu sprechen und zu fragen: Wie hast du das erlebt? Wie war das bei euch?

Zusammenfassung – Das Buch in 5 Sätzen

Wiebke: Um in die Geschichte einzusteigen, lass uns versuchen das Buch in fünf Sätzen zusammenfassen. Das ist bei 635 Seiten in der Taschenbuch-Ausgabe recht sportlich.

Amira: Eigentlich kann man die Geschichte doch ganz kurz erklären. Es geht um den Mikrokosmos eines Dorfes, um die Lebensläufe der Figuren und um ein Thema, das plötzlich aufkommt und aus dem alle Bewohnerinnen und Bewohner ihren persönlichen Nutzen ziehen wollen.

Wiebke: So würde ich das auch beschreiben. Ich habe mir das folgendermaßen notiert:

Die Bewohner eines Dorfs in Brandenburg sind über Generationen hinweg durch ein Netz aus Intrigen und Allianzen verbunden. Der Wechsel der politischen Systeme verändert zwar die Kulisse, doch große Egos und konträre Lebensentwürfe bestimmen das Geschehen. Als ein Windpark gebaut werden soll, vermischen sich alte und neue Konflikte. Alles eskaliert und am Ende bleibt die Frage: Was ist wirklich wichtig? Wofür sollten wir uns einsetzen? Fatalismus und die Erkenntnis, dass es keine Wahrheit gibt, bleiben zurück.

Keine Held:innen, aber bewegende Figuren

Wiebke: Dass es keine Wahrheit gibt, war für mich ein sehr eindrückliches Motiv. Alle haben ihre eigene Wahrheit. Das zieht sich durch das ganze Buch. Ich habe den Figuren immer wieder zugestimmt, auch wenn die Gedankengänge teilweise bizarr waren.

Amira: Das ging mir auch so. Zu Beginn werden wir in die Perspektiven der Figuren eingeführt. Die Positionen werden überzeugend dargestellt, so dass wir im Laufe der Zeit alle Positionen nachvollziehen können. Die Beschreibung bleibt aber immer distanziert, so dass wir keine Figur ins Herz schließen. Alle anderen Figuren haben von mir immerhin noch einen Funken Sympathie bekommen. Allein die Pferdefrau – Linda Franzen – war von Anfang bis Ende bei mir unten durch.

Wiebke: Keine der Figuren eignet sich zum Superhelden. Aber hat dich eine Figur besonders bewegt?

Amira: Am Anfang hatte der Naturschützer Fließ bei mir Pluspunkte, da er ein Öko ist. Aber beim näheren Hinsehen, kommt diese Figur in der Geschichte – so wie alle – schon zu Beginn nicht gut weg. Dann ist die Figur des Gombrowski natürlich faszinierend, da er zum Schluss den letzten Schocker setzt. Und sein Widersacher Kron war auch spannend, weil er so facettenreich ist. Dass er alleinerziehender Vater war, ist zum Beispiel ein interessantes Detail, das nicht zum allgemeinen Bild dieser Figur passt.

Von Vätern und Töchtern

Wiebke: Es gibt mehrere Vater-Tochter-Beziehungen in diesem Buch. Schaller, der Schläger mit Gedächtnisverlust, zum Beispiel beschließt sich in seinem neuen Leben an jedem Tag erneut als guter Mensch zu beweisen. Das nimmt er sich für seine Tochter Miriam vor. Scheinbar hat es seine Tochter geschafft sich aus dem sozialen Milieu herausarbeiten, in dem sie groß wurde. Sie lebt inzwischen in Berlin und studiert.

Amira: Schaller ist eine sehr unsympathische Figur. Das drückt sich auch in dem Namen – das Tier – aus, den ihm die Nachbarn geben. Dass die Tochter so ein guter, moralischer Mensch sein soll, ist ein bisschen unglaubwürdig. Wie konnte sie solch ein Engel werden, wenn sie so einen Vater hat?

Wiebke: Wir erfahren von Miriam aber immer nur aus der Perspektive von Schaller selbst. Das ist keine objektive Beschreibung. Gombrowski hat auch eine Tochter – Püppi, die in Freiburg promoviert. Sie hat den Kontakt zu ihrem gewalttätigen Vater abgebrochen. Ihre Eltern finanzieren sie allerdings weiterhin. Gombrowski empfindet Püppi als undankbar und arrogant. Er wäre lieber der Vater von Betty – der Tochter seiner Freundin Hilde – die ist eher nach seinem Geschmack.

Im Gegensatz dazu hat sein Widersacher Kron genau diese Vision für seine Enkelin. Er wünscht sich für sie, dass sie eines Tages ein besseres Leben fern vom Dorf führt. Dafür möchte er ihr eine gute Ausbildung ermöglichen und hofft, dass die nächsten Generationen ihre Herkunft und alle damit verbundenen alten Konflikte vergessen. Das was Gombrowski mit Püppi bereits erreicht hat und bedauert, wünscht sich Kron für seine Familie. Allerdings hat er das im ersten Anlauf mit seiner Tochter nicht geschafft. Sie hat studiert und kam für ihren Vater ins Dorf zurück.

Im Epilog wird beschrieben, dass die Enkelin, so wie ihr Großvater zuvor, im Forsthaus leben möchte. Darin liegt eine Tragik, die sich durch das ganze Buch zieht. Die Protagonisten wünschen sich ständig etwas für eine nahestehende Figur, aber niemand erfüllt es. Denn diese Wünsche werden oft missverstanden und schließlich halten sich die Figuren selbst gefangen beim Versuch es anderen recht zu machen.

Amira: Die Geschichten der Töchter zeigen auch, dass Frauen es eher mal schaffen rauszukommen, das Dorf hinter sich zu lassen und sich zu weiterzuentwickeln. Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, ist vielleicht so ein Beispiel. Jedenfalls waren es dort eher die Töchter, die weggegangen sind, um etwas ganz Neues zu beginnen. Im Roman wäre es interessant gewesen, einen Sohn im Vergleich zu sehen.

Wiebke: Mir fällt dazu noch Karl, der Indianer, ein. Er ist wahrscheinlich aus dem Dorf, aber die Figur wird nicht erklärt. Er spielt für das Dorfleben keine wesentliche Rolle und wird als Sonderling geduldet. Die Autorin hat eher die Frauenbiografien herausgearbeitet. Es gibt keinen Vergleich zu einem Sohn, der ein Erbe übernommen hat oder von dem erzählt wird, dass er weggegangen ist. Kron und Gombrowski sind zwar Söhne, die schwer an ihren Familiengeschichten tragen, aber in der nächsten Generation gibt es kein Äquivalent.

Amira: Es gibt viele Frauenschicksale in diesem Buch. Es gibt zwar auch die großen Männer, doch die Frauen machen es erst richtig vielschichtig. Es gibt eine Stelle an der Gombrowski über die Bedeutung der Frauen in seinem Leben nachdenkt:

Trotzdem liebte Grombrowski seine Frauen, jede einzelne, so verschieden sie waren. Männer besaßen keine Persönlichkeit, sie waren alle gleich. Wer echtes Leben wollte, musste sich mit Frauen umgeben.

Vgl. „Unterleuten“, S. 312.

Mit Frauen ist Entwicklung möglich, mit ihnen umgibt er sich gerne. Das ist wieder eine Seite am Gombrowski, die ihn doch zu einer meiner Lieblingsfiguren gemacht hat.

Wiebke: Eine Hassliebe. Er ist auch ein gewalttätiger Vater und Ehemann. Gombrowski ist ein fatalistischer Charakter und Machtmensch.

Amira: Und in seiner Denkweise ist seine Geschichte auch wiederum sehr traurig. Es ist wie immer in diesem Buch, wenn die Figuren ihre Perspektiven erzählen, gewinnen wir sie doch lieb. Wir können ihre Beweggründe nachvollziehen. Gombrowski will immer das Beste für das Dorf. Er möchte allen Jobs und Perspektiven eröffnen. Er reißt sich ein Bein aus, um das Land zusammenzuhalten. Aber alle jammern nur und niemandem kann er es recht machen.

Motiv: Selbstoptimierung

Wiebke: Es gibt noch ein anderes Motiv, das mich interessiert hat, da ich darin unsere Generation wiedergefunden habe. Es ist die Szene, wenn Pilz den Windpark präsentiert. Es ist die Stelle:

Was diese Generation verband, war der unbedingte Wunsch alles richtig zu machen, keinen Fehler zu machen und damit unangreifbar zu sein.“

Vgl. „Unterleuten“, S. 151.

Ähnliche Stellen gibt es bei Linda Franzen. Sie nutzt das Buch eines Selbstoptimierung-Gurus als Entscheidungshilfe. Zwischen Pilz und Franzen habe ich eine Verbindung gesehen. Ich glaube, das sind aktuell sehr verbreitete Motive: Effizienz und Fehlerfeindlichkeit.

Amira: Klar, es gilt das Beste aus uns rausholen. Es heißt „Ressourcen nutzen”. Wir machen Yoga und achten auf die Work-Life-Balance. Das ist ein Phänomen. Pilz ist zwar sehr jung und hat keine Lebenserfahrung, aber er ist professionell oder gefühlslos. Er schafft es die Reaktion des aufgebrachten Publikums nicht auf sich zu projiziert. Er ist vollkommen distanziert. Seine Motive werden nicht erklärt. Macht er das, weil erneuerbare Energien eine gute Sache sind? Macht er das für Geld? Wir kennen seine Motivation nicht. Was lässt ihn so abgebrüht sein? Aber würdest du dich damit einschließen? Ich dachte, dass für unsere Generation Geld weniger entscheidend ist und wir eher sinnstiftende Ziele verfolgen.

Wiebke: Ich würde es auch so einschätzen, dass Geld eine geringere Rolle spielt und andere Karrierewege interessant sind. Aber mir ist kontinuierlich ein Leistungsdruck begegnet und ich merke, dass ich das verinnerlicht habe. Auch wenn ich dem nie gerecht geworden bin. Durch Zentralabitur und das Bachelor-Master-System im Studium war alles durchgetaktet. Ständig gab es das nächste Ziel vor Augen. Es gibt Regelstudienpläne, die erfüllt werden sollen und die kontrolliert werden – Meilensteine wie im Job. Falls die Bürokratie nicht erfüllt wird, muss eine Extrarunde gedreht werden. In diesen idealen Plänen gibt es keine Zeit für Fehler oder Zweifel.

Diesen Anspruch habe ich auch bei anderen Studierenden beobachtet und das ging quer durch alle Disziplinen. Es macht perfektionistisch und unkreativ – das sind zwei Eigenschaften, die es erschweren mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen. Die Frustrationstoleranz ist sehr niedrig. Daran musste ich denken, als ich von Franzen und Pilz las. Sie sind nicht monetär getrieben, sie haben auch keine politischen Ziele. Franzen zumindest verfolgt ein individuelles Ziel und ist damit sehr egozentrisch.

Mit etwas Überwindung ein super Buch

Amira: Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, das Buch zu lesen. Wir hatten zwar beide zu Beginn einen Hänger, aber die Handlung und die Charaktere sind spannend. Die Geschichte bekommt so eine Dynamik. Zu Beginn werden die Figuren eingeführt und alles fühlt sich ganz bequem an. Aber als schließlich der Windpark vorstellt wird, droht alles zu eskalieren.

Wiebke: Das ist genau die Stelle, an der ich beim ersten Lesen meinen inneren Widerstand überwinden musste. Hier wurde mir klar, dass ich mich mit diesen Konflikten auseinandersetzen müsste und es lagen noch so viele Seiten vor mir. Das hätte ausufernd und anstrengend werden können. Es gibt diese zahlreichen Verstrickungen, die über die Generationen hinweg weitergegeben werden, darauf musste ich mich einlassen – und dann wurde es spannend!

Amira: Die Verstrickungen sind aber auch etwas Besonderes: Unsere Generation – wir beide sind da völlig miteingeschlossen – zieht alle zwei Jahre um. Wir kennen die Geschichten, der Orte an denen wir Leben, gar nicht mehr. Es wäre schön, das zu ändern.


Ich habe diese Ausgabe gelesen:
Juli Zeh: Unterleuten, 14. Auflage (Erstauflage 2016), btb Verlag, München 2017.

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