Buchbesprechung: Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Buchbesprechung Die Mitternachtsbibliothek

Was wäre wenn… Eine Entwicklungsgeschichte im Multiversum

Diesmal habe ich mit Literaturbloggerin Jule über den Bestseller „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig gesprochen. In unserer Buchbesprechung geht es darum, wie wir Entscheidungen fällen und ob wir etwas bereuen. Wir sprechen über den Umgang mit Depressionen, Existenzphilosophie und die beste aller Welten.

Wir sprechen über das ganze Buch. Falls Ihr den Roman noch lesen möchtet, überlegt Euch also, ob Ihr das Gespräch lesen mögt.

Wer liest?

Jule studiert Philosophie. Das ist ein praktischer Zufall. Schließlich ist die Romanheldin aus „Die Mitternachtsbibliothek“ ebenfalls Philosophin mit einer Vorliebe für existenzialistische Zitate. Jule schätze ich für ihre nachdenklichen und ehrlichen Texte. Auf ihrem Blog gibt es Buchtipps zu philosophischen Themen und Gegenwartsliteratur. (Hier geht’s zur Rezension auf Jules Blog.)

Zusammenfassung des Romans

Die Botschaft des Romans ist lebensbejahend. Doch beginnt er sehr dramatisch. Protagonistin Nora ist schwer depressiv und sie beschließt zu sterben. Plötzlich findet sie sich in der Mitternachtsbibliothek wieder. Einem Ort zwischen Leben und Tod, an dem sie dem Multiversum begegnet. Dort sind all die Leben in Büchern gesammelt, die sie nicht geführt hat. Nun bekommt Nora die Gelegenheit, diese Leben auszuprobieren. „Was wäre wenn“-Szenarien sind für viele von uns nette Gedankenspiele. Doch die depressive Nora bereut ihre wichtigsten Entscheidungen und sieht ihr Leben als Ausdruck verpasster Chancen. In der Mitternachtsbibliothek darf sie sich nun ein Leben wählen, das zu ihr passt. Wir Leser:innen begleiten sie auf dieser Suche. Sie ist mal Rockstar, Olympia-Schwimmerin, Gletscherforscherin und vieles mehr. Für welches Leben sie sich entscheidet, müsst Ihr selbst herausfinden. (Meine Rezension zum Buch gibt es hier.)


Gefällt’s?

Wiebke: Du hattest das Buch schon Anfang des Jahres entdeckt. Wie bist Du auf diesen Roman aufmerksam geworden?

Jule: Ich habe das Buch bei Instagram gesehen. Mich hat die Buchvorstellung von Anne von Fuxbooks neugierig gemacht.

Wiebke: Inzwischen ist auch die deutsche Ausgabe ein Bestseller. Mir haben Freundinnen das Buch empfohlen. Hat Dir das Buch gefallen?

Jule: Ich erinnere mich, dass der Roman einmal als Wohlfühl-Buch beschrieben wurde. Dieses Genre lese ich eher selten, weil ich nicht zum „Wohlfühlen“ lese. Die Geschichte war aber leicht und gut zu lesen und die Quintessenz finde ich auch wichtig. Aber ich hatte hin und wieder meine Schwierigkeiten mit dem Roman. Einiges war mir zu einfach erzählt.

Wiebke: Eine Geschichte mit wichtiger Botschaft, aber mit ungenutztem Potential. Also ein interessanter Aufhänger für unser Gespräch. Dann sprechen wir doch über die Stärken und die Schwächen des Romans.

Die Sache mit der Depression

Wiebke: Nora will sich das Leben nehmen, das ist ein harter Einstieg für ein Wohlfühl-Buch. Der Suizidversuch ist der Ausgangspunkt für die Geschichte. Ich hatte schon in meiner Rezension geschrieben, dass ich das Buch wie ein Märchen gelesen habe. Ich denke die Krankheit und der Weg aus der Depression ist zu einfach beschrieben. Wenn jemand diese Geschichte liest und noch wenig Kenntnisse über die Krankheit hat, verzerrt es den Blick darauf und bestätigt vielleicht vorhandene Vorurteile. Man sollte das Buch nicht mit dem Anspruch lesen, dabei zu erfahren wie die Perspektive von Erkrankten ist oder wie die Genesung gelingt. Ich wünsche mir ein fundiertes Vorwort für eine Neuauflage, damit die Geschichte nicht im leeren Raum stehen bleibt. Aber aus der Perspektive eines Märchens war es für mich leicht und positiv geschrieben und eine schöne Wochenend-Lektüre.

Jule: Bis ich Deine Rezension gelesen habe, ist mir dieser Aspekt gar nicht aufgefallen. Aber ich stimme Dir zu. Ich habe mich gefragt, weshalb ich das nicht so kritisch gesehen habe. Es liegt wohl daran, dass die Geschichte das Thema romantisiert und weit von der realistischen Beschreibung einer Depression entfernt ist. Noras Wahrnehmung hat mich eher an eine generelle Unzufriedenheit im Leben erinnert. Sie hatte aber nichts mit den Erfahrungen zu tun, die ich persönlich im Kontakt mit erkrankten Mitmenschen gemacht habe. Daher hatte ich mich auf andere Aspekte der Geschichte fokussiert.

Wiebke: Während der Lektüre ging es mir genauso. Mir kam der Gedankengang erst im Nachhinein, als ich mich für die Rezension mit meinem Leseeindruck auseinandergesetzt und mich mit anderen Leser:innen ausgetauscht habe. Der Suizidversuch wird nicht konkret beschrieben. Nora landet recht unvermittelt in der Mitternachtsbibliothek.

Jule: Es ist so, als würde sie sich schlafen legen und wacht dort wieder auf.

Wiebke: Die Themen Depression und Suizid sind im Roman omnipräsent, da sie die Grundlage für die Geschichte bilden. Gleichzeitig kann man das Thema überlesen – so wie Du es beschreibst. Das ist doch interessant. Weshalb ist das so? Der Autor musste eine außergewöhnliche Möglichkeit kreieren, in der Nora den Paralleluniversen begegnet. Beim Kaffeekochen passiert so etwas bestimmt nicht. Die Nahtod-Erfahrung hat er daher als Ausgangspunkt verwendet, um ihre Entwicklung anzustoßen. Wenn der Suizidversuch dramatisch geschildert worden wäre, hätte ich das Buch weggelegt. Da es aber weichgespült war, konnte ich mich auf die Geschichte einlassen. Denn hier in der Mitternachtsbibliothek werde ich als Leserin mit den wichtigen Fragen konfrontiert: Wie beeinflussen meine Entscheidungen mein Leben? Wie wurde ich zur Person, die ich heute bin? Wie gehe ich mit meinen Entscheidungen um? Wie würdest Du den Hauptgedanken der Geschichte beschreiben?

Für mich geht es darum, dass man das eigene Leben in der Hand hat.

Jule

Jule: Für mich geht es darum, dass man das eigene Leben in der Hand hat. Man sollte daher Entscheidungen im Vorhinein abwägen und sich mögliche Handlungen und deren Konsequenzen überlegen. Selbst wenn schwierige Situationen auf mich zukommen, entscheide ich mich am Ende doch selbst für das, was passiert – und das muss ich akzeptieren. Zum Schluss ist die Geschichte vielleicht auch eine Aufforderung, manches einfach etwas leichter zu nehmen.

Wiebke: Das habe ich darin auch gesehen. Ein Appell sich zusammenzureißen. Ich denke, damit kann man sich ruhig konfrontieren. Aber eignet sich das als Rat für Depressive?

Jule: Gesunden Menschen kann es bestimmt helfen wachgerüttelt zu werden. Da sich negative Denkmuster mit der Zeit festigen, ist es vielleicht eine Technik, die Depressiven in Teilen ebenfalls helfen könnte, um eine andere Perspektive einzunehmen. Aber das ist selbstverständlich nicht die Lösung des Problems. Manchmal sind Situationen nun einmal schlimm und sie verschwinden nicht einfach mit dem Motto: „Ich nehme es nicht so schwer.“

Wiebke: Der Autor hat schon mehrere Bücher über das Thema Depression geschrieben und war selbst betroffen. Matt Haig hat also Expertise. Der Roman spricht international viele Menschen an. Ich hatte mit Rike beim letzten Buchgespräch zu „Das Café am Rande der Welt“ die Vermutung aufgestellt, dass das Buch leicht daherkommt, damit sich viele Leser:innen mit diesen Themen beschäftigen.

Existenzphilosophie

Jule: Ich finde, man hätte die Geschichte schon komplexer erzählen können, auch wenn man ein breites Publikum ansprechen möchte. Die Geschichte ist eigentlich darauf angelegt. Am Anfang erfahren wir, dass Nora Philosophie mit Schwerpunkt Existenzphilosophie studiert hat. Das hat mich gleich begeistert. Aber ihre Handlungen und ihre Gespräche hatten damit wenig zu tun. Wenn man diesen Hintergrund hat, würde man doch nicht so handeln. Das hat beides für mich nicht zusammengepasst. Nora benimmt sich manchchmal kindisch und das hat mich ratlos gemacht. Nur weil der Kater stirbt und man am gleichen Tag den Job verliert, beschließt man doch nicht, dass das Leben keinen Sinn mehr hat. Auch ihre Mitmenschen waren alle nett zu ihr.

Wiebke: Sie konnte das nicht erkennen, weil sie depressiv ist.

Jule: Vielleicht. Aber das liegt bestimmt auch am Stil. Ich finde beispielsweise, dass die Figuren viel zu freundlich gezeichnet sind. Das waren keine authentischen Dialoge.

Wiebke: Die Charakterisierungen sind ziemlich stereotyp und Noras Gedanken über Personen und Situationen sind nicht so differenziert, wie man sie von einer Philosophin vermuten würde. Da gebe ich Dir recht.

Jule: Es werden Zitate von Existenzphilosophen eingeflochten, die mir alle gefallen haben. Ich würde jedoch nicht behaupten, dass man davon verstanden hätte, wie das Leben gelingt. Das ist schon komplexer. Ich hatte letztes Semester ein Seminar zum Thema Existenzphilosophie. Es ging um Fragen wie „Was ist Existenz?“, „Was ist Freiheit?“. Dadurch verändert man die eigenen Perspektiven und Handlungen. Das vermute ich erst recht, wenn man ein ganzes Studium zu diesem Thema abschließt.

Wiebke: Ist man denn als Philosophin vor Depressionen geschützt? Ich bin jetzt Advocatus Diaboli: Wenn man sich mit existenzialistischen Schriften beschäftigt, könnte das doch depressiv machen.

Jule: Wenn man in den Nihilismus abdriftet, dann auf jeden Fall.

Wiebke: Um bei der Existenzphilosophie zu bleiben: es ist eine große Verantwortung, wenn man sich jeden Tag aufs Neue beweisen muss. Man hat keinen Kredit. Wenn man einen schlechten Tag hat, denkt man vielleicht einfach: „Ich bleibe besser liegen, dann kann ich nichts falsch machen.“

Jule: Ich glaube, das geht uns doch allen manchmal so. Wie hast Du die Rolle der Philosophie im Buch gelesen?

Wiebke: Mich hat schon irritiert, dass sie entgegen ihrer eigenen Philosophie handelt. Ich finde es gut, dass Du auf diese Diskrepanz hingewiesen hast. Aber mich hat es nicht so stark gestört. Ich habe mich viel eher gefragt, wer damit erreicht werden soll. Es wird doch viel vorausgesetzt, oder? Denn mich würde interessieren, wie die Stellen gelesen werden, wenn für jemanden Existenzphilosophie Neuland ist. Wie werden die Zitate interpretiert, wenn man ihren Kontext nicht kennt?

Jule: Meinst du, dass die Zitate als Beweis für Noras Kenntnisse vom Autor gebraucht werden? Es stellt sich die Frage, ob alle Leser:innen Sartre oder Camus kennen.

Wiebke: Das zuallererst. Falls die Leser:innen sie nicht kennen, wissen sie zwangsläufig nicht, wofür die Zitate stehen. Sind die Zitate so repräsentativ gewählt, dass man sie ohne den Kontext verstehen kann? Das ist ein generelles Problem mit Zitaten.

Warum bereuen wir etwas?

Wiebke: Mich hat das Thema der Reue sehr angesprochen. Ich habe mich gefragt, ob ich etwas bereue. Auch wenn nicht alles super war, würde ich sagen: nein, ich bereue nichts. Es ist alles Teil meines Lebens und meiner Entwicklung. Wie würdest Du das beantworten?

Jule: Es gibt eine Sache, die dem Gefühl der Reue nahekommt. Aber prinzipiell würde ich sagen: nein.

Wiebke: Ich hatte bei Instagram eine kleine Umfrage gestartet. Das ist selbstverständlich nicht repräsentativ. Aber das Ergebnis war dennoch spannend, da es sehr gemischt war. Die Hälfte hat angegeben etwas zu bereuen. Scheinbar beschäftigt das Thema doch einige Menschen und nicht alle antworten darauf, wie wir beide gerade.

Ich denke, es liegt unter anderem an der Distanz, die man zu einem Thema noch nicht gefunden hat.

Jule

Jule: Ich denke, es liegt unter anderem an der Distanz, die man zu einem Thema noch nicht gefunden hat. Vielleicht liest man diesen Roman gerade aus dem Grund, weil man aktuell etwas bereut und noch nicht damit abgeschlossen hat.

Wiebke: Nicht alles, was wir bereuen, hätten wir auch wirklich verbessern können. Manchmal fühlen wir uns verantwortlich für Dinge, die wir nicht in der Hand haben. Hierzu habe ich mir ein Zitat der Bibliothekarin Mrs Elm notiert. Nora hat in der Passage gerade realisiert, dass ihr Kater ohnehin an jenem Tag gestorben wäre, gleichgültig ob sie ihn vor die Tür gelassen hätte oder nicht.

„Siehst du? Manche Reuegefühle basieren überhaupt nicht auf Fakten. Manchmal sind Reuegefühle nur…“ Mrs Elm suchte nach dem richtigen Begriff und fand ihn schließlich, „…ein Haufen Scheiße.“

Die Mitternachtsbibliothek, S. 82.

Das Zitat ist simpel. Aber es zeigt zwei Seiten der Reue. Sie kann sinnvoll sein. Schließlich können wir fatale Fehler begangen haben und damit müssen wir einen Umgang finden. Manchmal steht uns das Reuegefühl aber einfach unnötig im Weg und hält uns in unseren Gedanken gefangen.

Wir können nicht die Entscheidung und deren Konsequenzen ändern, sondern nur unsere Einstellung dazu.

Wiebke

Am Anfang bereut Nora ihre verpassten Chancen. Sie sieht sie als Fehlentscheidungen. Später ändert sie ihre Einstellung und schließt Frieden damit. Wir können nicht die Entscheidung und deren Konsequenzen ändern, sondern nur unsere Einstellung dazu. Ich selbst denke, dass meine Entscheidungen, in dem Moment einen guten Grund hatten – auch wenn das nicht zwangsläufig zu einem guten Ergebnis geführt hat.

Jule: In dem Moment hast du nach bestem Wissen und Gewissen entschieden. Das erinnert mich an die Lehre von Leibniz, die mich im Philosophie-Studium sehr berührt hat. Es geht um die Theodizee – also um den Bereich in der Philosophie, der sich mit der Gerechtigkeit Gottes beschäftigt und Antwort auf die Frage sucht, weshalb es – sofern es einen allmächtigen und guten Gott gibt – dennoch Böses auf der Welt gibt. Bei Leibniz heißt es, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben und dass das Böse darin daher aus einem Grund existiert. Daran musste ich bei der Lektüre dieses Buches denken, schließlich hat jedes Leben, das Nora wählt, immer einen Haken. Ich denke, das ist für mich auch eine Kernaussage des Buchs: So wie es gekommen ist, hat es schon seine Berechtigung. Schließlich konntest Du nicht anders entscheiden, denn Du wusstest damals nicht, was Du jetzt weißt.


Infos zum Buch

Wir haben diese Ausgabe gelesen:

  • Autor: Matt Haig
  • Titel: Die Mitternachtsbibliothek
  • Erste deutsche Auflage: Februar 2021
  • Übersetzt von Sabine Hübner
  • Verlag: Droemer Knauer
  • 320 Seiten
  • Gebundene Ausgabe: 20 Euro
  • ISBN: 978-3-426-28256-4

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