Kategorie: Buchgespräch

Buchbesprechung zu „Das Café am Rande der Welt“ von John Strelecky

Bücherstapel in der Mitte liegt der gelbe Buchrücken von Cafe am Rande der Welt

Ein erfüllten Leben. Wie geht das?

In diesem Gespräch nehmen Rike und ich einen internationalen Bestseller genauer unter die Lupe. Es geht um das Buch „Das Café am Rande der Welt“ von John Strelecky. Wir sprechen über nichts Geringeres als eine „Erzählung über den Sinn des Lebens“, das verspricht zumindest der Untertitel des Buches.

Wer liest?

Rike ist zufällig zu einer Expertin für „Das Café am Rande der Welt“ geworden. Sie hat das Buch inzwischen dreimal gelesen: einmal als es ihr gut ging, ein zweites Mal als es ihr weniger gut ging und schließlich zur Vorbereitung auf dieses Gespräch. Wenn ich an Rike denke, denke ich an zwei Worte mit TÄT. Eines davon ist Integrität, das andere ist Kreativität. Über Kreativität habe ich beim letzten Gespräch schon mit Stephanie gesprochen. Hier gibt’s den Beitrag für Kreative. Heute geht es aber um Sinnsuche.

Rike ist eine Frau mit Haltung. Wenn mich eine Situation irritiert, hilft mir ein Gespräch mit ihr. Das liegt daran, dass sie selbst schon einige Stürme im Leben erlebt hat. Ihre Werte sind ihr Kompass, um auf Kurs zu bleiben. Auch in verletzlichen Momenten bewahrt sie ihre Stärke. Sie hat den Mut Schattenseiten genau zu betrachten, um daran zu wachsen. Ich bin gespannt, was wir heute von ihr lernen dürfen.

Zusammenfassung: Darum geht’s in Kürze

Wiebke: Wie würdest du das Buch „Das Café am Rande der Welt“ in maximal fünf Sätzen zusammenfassen?

Rike: Ich weiß nicht, ob meine Beschreibung das trifft, was du gerne hören würdest.

Wiebke: Es gibt doch kein richtig und falsch. Die Zusammenfassungen geben der Buchbesprechung von Beginn an eine persönliche Note. Jede Perspektive hat ihre Berechtigung.

Rike: Stimmt. Ich wollte keine sachliche Zusammenfassung schreiben. Ich habe das hier notiert:

„Ein umgekippter Laster, ein leerer Tank und kein erkennbares Ziel. Manchmal sind es die Reise ins Nirgendwo, der unbekannte Ort und unbekannte Menschen, die uns auf die intensivste Reise unseres Lebens schicken – der Reise zu uns selbst.“

Wiebke: In deiner Beschreibung höre ich die Kulturjournalistin heraus. Es könnte ein Anfang von einem deiner Artikel sein. Ich habe als Kontrast eine Zusammenfassung mitgebracht, wie du sie nicht schreiben wolltest.

„Der Protagonist John gerät auf dem Highway in einen Stau. In seiner Ungeduld sucht er nach einem anderen Weg, um schnell ans Ziel zu gelangen. Statt zu warten, biegt er ab und nach einer Irrfahrt entdeckt er schließlich erschöpft und frustriert irgendwo im Nirgendwo das Café der Fragen. Im Café führt er erkenntnisreiche Gespräche über den Sinn des Lebens. Er entwickelt einen neuen Blick auf seine bisherigen Entscheidungen und den Wunsch nach einem erfüllten Leben. Als er weiterfährt, entdeckt er, dass er gar nicht so weit vom richtigen Weg abgekommen war, wie es zunächst schien.“

Die wichtigsten Botschaften

Wiebke: Du hast „Das Café am Rande der Welt“ nun erneut gelesen und dir gefiel es schon vorher. Welcher Aspekt ist dir am wichtigsten?

Rike: Ich finde die Grundidee schön. Denn ich lese hier immer wieder heraus: auch wenn man unbedarft vom Weg abbiegt, kommt man ans Ziel. Vielleicht gerade erst dadurch! Der Weg darf sich immer verändern. Die Botschaft, dass man andere Menschen braucht, um ans Ziel zu kommen, mochte ich auch. Das dürfen gerne Unbekannte sein. Da gerade neue Begegnungen wieder eine neue Perspektiven ermöglichen. In der Geschichte unterhält sich der Ich-Erzähler mit den Café-Besitzern und beobachtet andere Gäste. Da die Hauptfigur am Anfang eher wie ein Eigenbrödler wirkt, ist das eine schöne Entwicklung.

Wiebke: John scheint zu Beginn jemand zu sein, der immer seinen Fahrplan einhält.

Rike: Richtig, im Buch werden Stationen eines Lebens aufgezählt, in denen sich viele Leser:innen wiederfinden können. Erst studiert man bzw. bildet sich aus, dann sucht man sich einen guten Job und schließlich geht es darum aufzusteigen – und das war es dann eigentlich schon. So einen Weg hat der Protagonist eingeschlagen und fühlt sich damit leer. Das ist der Ausgangspunkt der Geschichte.

Wiebke: Hinten im Buch steht etwas über den Autor, das hat mich beschäftigt:

„Ein prägendes Erlebnis hat John Strelecky im Alter von 33 Jahren zu seiner Geschichte ,Das Café am Rande der Welt‘ inspiriert.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 128.

Als Strelecky dieses Erlebnis hatte, das ihn nachhaltig veränderte, war er ungefähr so alt, wie wir beide heute. Wir lesen das Buch also zusammen zu einem – für uns – besonderen Zeitpunkt. Es ist aus der Perspektive eines Menschen in unserem Alter geschrieben. Es ist nicht der Blick eines alten, erfahrenen Menschen, der zurückblickt und alles weiß, sondern aus der Perspektive von jemandem erzählt, der mittendrin steckt und auf dem Weg ist.

Du hattest bei der Vorbereitung der Buchbesprechung erwähnt, dass es für dich in der Geschichte darum geht, dass man sich immer wieder neu ausrichtet. Das ist ein Leitmotiv, das jede:r in der eigenen Biografie wiederfinden kann. Es geht darum, wie man sich selbst neu erfindet oder sich verändert und zu neuer Kraft kommt.

Rike: Stimmt, aber er beschreibt auch, dass man – aus einer Verwirrung heraus oder durch einen Schicksalsschlag – an einer Stelle im Leben abbiegt, an der es eigentlich nicht geplant war. Aber diese Irrwege oder Zufälligkeiten führen einen wieder dahin, wo man eigentlich hinmöchte.

Wiebke: Wir dürfen uns fragen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind und was überhaupt unser Ziel ist?

Rike: Vielleicht eher, dass sich ein Ziel ändern darf. Ich glaube, die Hauptfigur ist Manager oder etwas ähnliches. Aber es bleibt am Ende die Frage, ob er das auch bleiben wird. Vielleicht macht er etwas anderes. Das bleibt offen. Es wird gezeigt, dass jede Abbiegung legitim ist.

Ein internationaler Bestseller. Warum lieben wir dieses Buch?

Wiebke: Was glaubst du, warum das Buch so populär ist?

Rike: Viele Menschen brechen aus etablierten Mustern aus. Es ist heute nicht mehr so, dass man in die Fußstapfen der Eltern tritt. Man erbt keinen vorbestimmten Lebensweg. Nur weil der Vater Handwerker ist, muss man keine handwerkliche Ausbildung wählen. Das Kind von Akademiker:innen muss nicht zwingend studieren. Das ist heute nicht mehr zeitgemäß.

Wiebke: Die englische Erstausgabe ist im Jahr 2003 erschienen. Über so viele Jahre hat es sich zu einem Weltbestseller entwickelt und bis heute spricht die Geschichte viele Menschen an. Die Digitalisierung zwingt eigentlich jede:n von uns, den eigenen Lebensentwurf zu überdenken. Viele Berufe, die vorher identitätsstiftend waren, verändern sich oder gehen verloren. Ich denke, das färbt existentielle Fragen ein. Das Buch ist gleichzeitig so allgemein gehalten, dass es viele Leute anspricht.

Rike: Das Buch greift Fragen auf, die man sich immer wieder im Leben stellt. Die Kapitel sind kurz. Es sind schöne Illustrationen drin. Es ist kein abgehobenes philosophisches Werk. Es ist verständlich für jede:n. Es ist einfach sehr freundlich und positiv.

Wiebke: Vielleicht wie ein Kinderbuch für Erwachsene?

Rike: Ich finde man könnte es auch älteren Kindern geben. Vielleicht ist es inzwischen Schullektüre.

Wiebke: Hast du bei der Lektüre von „Das Café am Rande der Welt“ Zitate angestrichen?

Rike: Nein, da ich meine Ausgabe von einer Freundin geliehen habe.

Wiebke: Ich habe diese Passage markiert:

„Ich lehnte mich zurück und versuchte alles, was Casey mir erklärt hatte, zu verarbeiten. ‚Das heißt, es könnte die Lage auch verschlechtern‘, antwortete ich. ,So wie ich es vorhin vermutet habe: Man könnte besser damit fahren, sich die Frage nie zu stellen. Man könnte einfach so weitermachen wie bisher, quasi ohne den Geist aus der Flasche herauszulassen.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 34.

Hier wird das Risiko angesprochen, das existenzielle Fragen begleitet. Man kann sich die Frage stellen „Warum bin ich hier auf der Welt?“ und man kann eine Antwort finden, die unglücklich macht. Denn man könnte realisieren, dass man nicht dort ist, wo man sein möchte. Die Fragenden merken, dass sie sich verirrt haben und bleiben traurig zurück. Die Frage kann die Situation also erst einmal verschlechtern. Daher ist es möglich, sich bewusst vor der Antwort zu verschließen. Die Konfrontation könnte zu schmerzhaft sein. Der Preis der Erkenntnis ist das Risiko, das die Wahrheit wehtun kann.

Rike: Das stimmt in mehrfacher Hinsicht. Das betrifft Zusammenhänge, die du vorher nicht gesehen hast oder nicht sehen wolltest. Oder du hast das Problem, dass sich deine Wünsche finanziell auswirken, weil dein neuer Traumjob weniger Geld einbringt und dein bisheriger Lebensstil damit nicht mehr bezahlbar ist. Freund:innen möchten vielleicht nicht mehr zuhörenmund sie wenden sich ab, weil ihr nicht mehr zusammenpasst. Das kann alles sein.

Wiebke: Es kann sein, dass das bisherige Leben nicht mehr zu einem passt oder, dass man selbst nicht mehr zu den Menschen passt, die zu diesem Leben gehören. Beides kann Angst machen.

Rike: Wenn du den Job wechselst, dann verlierst du die Kolleg:innen. Aber was ist, wenn die Veränderung in der Familie oder der Beziehung ein Problem wird? Oder wenn du merkst, du möchtest an einem anderen Ort wohnen, aber du hast eine Familie mit Kindern? In dem Buch steht erst mal das Individuum im Mittelpunkt, aber von solchen Entscheidungen hängen immer andere Menschen ab.  Wenn man sich diese Frage stellt, kann man schnell in einen inneren Konflikt geraten. Es wird im Buch nicht nur nach dem Sinn des Lebens gefragt. Da gibt es noch mehr Potential. Eine andere Frage ist: „Hast du Angst vor dem Tod?“ Und wie war die dritte Frage, die vorkommt?

Drei existentielle Fragen

Wiebke: Eigentlich wird in der Geschichte am häufigsten über die erste Frage „Warum bist du hier?“ gesprochen. Dadurch kommt man automatisch auf die anderen beiden Fragen. Auf der Speisekarte des Cafés steht geschrieben:

„Warum bist du hier?
Hast du Angst vor dem Tod?
Führst du ein erfülltes Leben?“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 24.

Rike: Die Fragen ändern sich doch eigentlich beim Lesen. Also eigentlich heißt es: „Warum bin ich hier? Habe ich Angst vor dem Tod? Führe ich ein erfülltes Leben?“

Wiebke: Ich möchte noch über eine andere Stelle mit dir sprechen, denn sie passt zu dem, was du vor unserem Gespräch erwähnt hast. Nämlich, dass man seine eigene Geschichte immer wieder neu schreiben kann.

„Im Laufe seines Lebens stellt der Mensch vielleicht fest, dass er 10, 20 oder Hunderte von Dingen tun möchte, um dem Zweck seiner Existenz [ZDE] gerecht zu werden. Er kann all diese Dinge tun. Unsere erfülltesten Cafégäste sind diejenigen, die ihren ZDE kennen und all die Tätigkeiten ausprobieren, die ihrer Meinung nach dieser Bestimmung dienen.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 49.

Mir gefällt daran, dass man Dinge hinterfragen, ändern darf und als Ganzes betrachten sollte. Die Erfüllung liegt darin, dass man die Fülle des Lebens auslebt.

Rike: Es gibt viele Menschen, die ihre Zeit ausfüllen, aber sie verbringen ihre Zeit nicht mit Dingen, die ihren Zweck der Existenz erfüllen.

Wiebke: Dazu passt noch die Geschichte mit der Meeresschildkröte. In diesem Zitat wird beschrieben, was wir von ihr lernen können:

„Ich glaube, die Schildkröte… die grüne Meeresschildkröte… hat Sie Folgendes gelehrt: Wenn man nicht auf das ausgerichtet ist, was man gerne tun möchte, kann man seine Energie mit einer Menge anderer Dinge verschwenden. Wenn sich dann die Gelegenheit bietet, das zu tun, was man möchte, hat man möglicherweise nicht mehr die Kraft oder die Zeit dafür.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 58.

Rike: An der Beschreibung des ZDE finde ich schön, dass es alles sein kann. Es wird nicht als Arbeit, besondere Kompetenzen, Reisen oder Familie definiert, sondern es wird offengelassen. Ich glaube, dass sich der Zweck der Existenz manchmal ändern kann. Es gibt schließlich unterschiedliche Lebensabschnitte. Der Zweck, den du erfüllen willst, ist z.B. Mutter zu sein. Und du bekommst Kinder, ziehst sie groß und dann gehen sie. Du bleibst zwar Mutter, aber du kannst damit nicht mehr deine Zeit füllen, weil sie aus dem Haus sind und ein eigenes Leben führen. Dann brauchst du einen neuen ZDE.

Wiebke: Vielleicht sind Werte zur Orientierung verlässlich. Unsere Werte bleiben im Leben recht stabil. Innerhalb dieses Gerüsts kann sich der ZDE ändern. Das gilt für dich doch auch gerade. Deine aktuelle Neuorientierung fügt sich in dein bisheriges Leben ein. Die Entscheidung ist zwar keine Zwangsläufigkeit. Aber sie passt zum aktuellen Stand und zu deinen Werten.

Rike: Ich habe keine scharfe Kurve genommen. Das muss aber nicht für alle so sein.

Neue Orte – neue Perspektiven

Rike: Wenn wir gerade über Zitate sprechen – gerade den Anfang mag ich gerne:

„Manchmal, wenn man es am wenigsten erwartet, […] findet man sich an einem unbekannten Ort wieder, mit Menschen, die man gleichfalls nicht kennt, und erfährt neue Dinge.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 9.

Manchmal erfordert es einen Ortswechsel, um sich neu zu definieren.

Wiebke: Das erleichtert den Neuanfang zumindest. Ich habe es bisher immer sehr genossen, an einen neuen Ort zu gehen, wenn ich das Bedürfnis hatte mich zu verändern.

Rike: Oder man entdeckt einen neuen Ort auf bekanntem Terrain oder man lässt neue Menschen ins Leben. Man muss nicht immer alles komplett verändern.

Wiebke: Ich denke, dass man an einem anderen Ort, z.B. in einer neuen Wohnung, leichter neue Gewohnheiten etablieren kann. Noch stärker wirkt das beim Umzug in eine andere Stadt. Dort ist alles neu: Job, Leute, Wege, Routinen. Selbstverständlich ist aber Veränderung auch anders möglich. So wie du es gerade beschrieben hast: es reichen kleine Dinge, um viel zu erreichen.

Rike: Ich denke, die Veränderung im Kopf ist das Wesentliche. Das kann schon ausreichen.

Wiebke: Am Anfang steht der Gedanke. Wenn man Gewohnheiten verändert, ändern sich auch Gedanken. Das ist wechselseitig. Nur innerlich etwas zu ändern, ohne es äußerlich sichtbar zu machen, fällt mir selbst schwer. Mir ist die Selbstvergewisserung dabei wichtig. Man tut etwas, das die Repräsentation des Denkens ist. Ich glaube, es ist einfacher etwas im Kopf zu verändern, wenn man auch Handlungen ändert. Schon allein, wenn man einen anderen Weg als sonst läuft.

Rike: Das reicht ja manchmal.

Tipp für ein erfülltes Leben

Wiebke: Mir gefiel noch eine andere Passage sehr gut. Das ist die Stelle, in der eine Frau berichtet, wie sie ihr Leben vollständig verändert hat. Sie erklärt, es fing damit an, dass ich jeden Tag eine Stunde etwas tat, das ihr Spaß machte. Ohne eine Funktion – nur aus reiner Freude.

„Es fing langsam an. Zunächst nahm ich mir jede Woche etwas mehr Zeit für mich selbst. Ich hörte auf, mich als Ausgleich für die harte Arbeit mit Sachen zu belohnen, und belohnte mich stattdessen damit, dass ich tat, was ich tun wollte. Ich achtete beispielsweise darauf, jeden Tag mindestens eine Stunde lang etwas zu tun, das mir wirklich Spaß machte. Manchmal las ich einen Roman, der mich begeisterte, an anderen Tagen machte ich einen langen Spaziergang oder trieb Sport. Allmählich wurden aus der einen Stunde zwei, dann drei, und bevor ich mich’s versah, konzentrierte ich mich ganz darauf, Dinge zu tun, die ich tun wollte, Dinge, die meiner Antwort auf die Frage ,Warum bin ich hier‘ entsprachen.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 78.

Dieses Zitat beschreibt, wie einfach man dieses erfüllte Leben erschaffen kann.

Rike: Man muss auch nicht alles ummodeln. Das kann man vielleicht gar nicht oder will es nicht. Jedenfalls braucht es das nicht. Man muss sich nur eine Stunde Raum geben für sich selbst.

Wiebke: Der Rest kommt dann von allein.

Rike: Es wird im Buch auch die Frage gestellt: Wie erreicht man etwas Großes oder Bedeutendes? Die Antwort im Buch lautet: gemeinsam mit anderen. Denn wenn du begeistert bist, ziehst du andere an, die ebenfalls begeistert sind und so werden es immer mehr.

Buchempfehlung: Wer braucht diese Lektüre?

Wiebke: Warum sollten andere dieses Buch lesen?

Rike: Weil es lebensfroh macht.

Wiebke: Das ist eine schöne Formulierung.

Rike: Es macht Lust etwas Neues zu entdecken. Eine lebensnahe Geschichte, die jeden irgendwie betrifft – wenn man möchte. Es steht im Buch schließlich auch geschrieben, dass sich manche Menschen diese Fragen nicht stellen. Aber einigen Leuten könnte es sehr gefallen. Man braucht das Buch nicht nur in Lebenskrisen, man kann es auch ohne Anlass lesen.

Wiebke: Ich habe es bisher zweimal gelesen und es war jedes Mal wie literarische Schokolade für die Seele. Schnell weg, mit Schmelz und ein wohliges Gefühl, das bleibt.

Rike: Gute Beschreibung.

Wiebke: Ich habe das schmale Buch unterschätzt. Die Geschichte hat mir mehr gegeben als gedacht.

Rike: Also es gibt andere Bücher in dem Feld, die noch mehr hergeben. Aber es ist leicht zugänglich und die Illustrationen darin haben mir gefallen. Es ist ein gutes Buch zum Verschenken. Meine Empfehlung ist das Buch wandern zu lassen. Irgendwann kommt es auf anderem Wege wieder zu einem zurück.

Wiebke: Stimmt, mein erstes Exemplar hatte ich auch weitergegeben. Es sollen möglichst viele Leute lesen.

Rike: Man hat nachhaltig etwas von der Lektüre. Es bleibt nicht der Wortlaut oder dass die Hauptfigur John heißt. Aber es bleibt die Beruhigung, dass man immer wieder selbst und neu wählen darf, wie man sein Leben gestaltet.

Wiebke: Schönes Schlusswort.


Ich habe diese Ausgabe gelesen:
John Strelecky: Das Café am Rande der Welt. Eine Erzählung über den Sinn des Lebens, 53. Auflage (Erstauflage 2003), dtv, München 2020, ISBN: 978-3-423-20969-4, 127 Seiten.

Buchbesprechung: „Kreativität“ das neue Buch von Melanie Raabe

Wir besprechen ein inspiriendes Buch über Kreativität

Über das Buch

Stephanie und ich haben zusammen das erste Sachbuch der Krimiautorin Melanie Raabe gelesen. Es trägt den Titel „Kreativität. Wie sie uns mutiger, glücklicher und stärker macht“. Ich bin eine fleißige Hörerin von „Raabe und Kampf“, dem Kreativitäts-Podcast, der Künstlerinnen Melanie Raabe und Laura Kampf. Daher weiß ich, dass die Autorin das Buch im vergangenen Jahr schrieb, während uns Corona überrollte. Es wurde sogar noch gegen Ende 2020 veröffentlicht. Was für ein Tempo für die Entstehung eines Buchs!

Einige von Euch haben das Buch parallel mit mir gelesen und wir waren im kontinuierlichen Austausch. Das hat mich ehrlich gefreut. Es hat mir wieder gezeigt, dass für viele von Euch Kreativität ein wichtiger Wert ist, und das ist doch eine wunderbare Basis für eine Freundschaft.

Heute sprechen Stephanie und ich stellvertretend über unser Leseerlebnis. Wir sprechen über Selbstzweifel, den Kreativitäts-Begriff an sich, die Bedeutung von Konstanz und warum Produktivität für uns Fluch und Segen zugleich ist.

Wer liest?

Stephanie ist ein kreativer Geist. Das merke ich immer wieder daran, wenn sie Erlebnisse und Geschichten auf ihre fantasievolle Art beschreibt. Sie testet regelmäßig neue künstlerische Ausdrucksformen. Kennengelernt habe ich sie als Hobby-Fotografin, dann durfte ich ihre berührenden Texte lesen und aktuell begeistert sie sich für Malerei. Alles trägt ihre unverwechselbare Handschrift. Ich freue mich schon auf all die Kunstformen, die sie im Laufe der Zeit noch für sich entdecken wird.


Unser Buchgespräch

Wiebke: Normalerweise würde ich dich zu Beginn des Gesprächs fragen, weshalb du das Buch ausgewählt hast. Aber diesmal habe ich dich gefragt, ob du dieses Buch mit mir lesen möchtest. Denn zum einen bist du für mich dafür prädestiniert, um über das Thema Kreativität zu sprechen, und zum anderen verbindet uns ein gemeinsames Schreib-Projekt, das wir während unserer Studienzeit umgesetzt haben.

Stephanie: Stimmt, das haben wir eine ganze Weile verfolgt und ich bin noch heute überrascht, dass es wirklich funktioniert hat und wir dabeigeblieben sind. Wir haben uns jeden Tag hingesetzt und jede von uns hat etwas geschrieben und anschließend haben wir darüber gesprochen.

Wiebke: Es hat eine Routine ins Schreiben gebracht. Das ist ein Punkt, über den Melanie Raabe im Buch ebenfalls schreibt, daher musste ich bei der Lektüre öfter an unser Projekt von damals denken. Hat dir denn das Buch gefallen?

Stephanie: Gerade bei der Vorbereitung auf unser Gespräch ist mir aufgefallen, dass mich das vierte Kapitel eingefangen hat. Der Stil hat mich sehr angesprochen. Das Kapitel ist kurz und prägnant. Aber vor allem spricht es mich an, da es genau meine Themen behandelt. Hier hatte ich das Gefühl, als würde mir der Spiegel vorgehalten werden. Aber nicht auf eine unangenehme Art, sondern wohlwollend. Da schreibt eine Autorin, die diese Gefühle kennt. Zu erfahren, dass diese Themen viele kreative Menschen beschäftigen, war sehr spannend. In dem Kapitel geht es um Zweifel, Introvertiertheit, Perfektionismus, Ängste, Prokastination und vieles mehr. Insgesamt muss ich sagen, dass gerade die Lebensgeschichten oder Beispiele von Kreativen, die immer wieder eingestreut werden, für mich sehr ansprechend waren. Trotzdem muss ich auch sagen, dass es mir an einigen Stellen zu langatmig war. Ich hatte mir vor allem praktische Impulse erhofft, um selbst wieder kreativ zu werden. Das blieb zu Beginn aus, im Verlauf änderte sich das. Ich habe mich manchmal ungeduldig beim Lesen gefühlt, auch da gewisse Themen an mehreren Stellen im Buch aufgegriffen werden. Dieser Eindruck ist eventuell aber daher entstanden, da mir viele Themen aus dem Buch schon bekannt waren. Vielleicht erschien es mir daher gedoppelt. Jemand, der sich zum ersten Mal mit dem Thema Kreativität beschäftigt, braucht diese Wiederholungen eventuell, um diese Punkte noch einmal klar vor Augen zu haben.

Wiebke: Du bist also schon Fortgeschrittene und das Buch ist eher für Anfänger:innen gedacht?

Stephanie: So habe ich das jedenfalls empfunden.

Darum geht’s in aller Kürze

Wiebke: Dann lass uns das Buch jeweils einmal kurz und knackig zusammenfassen, damit wir auf einem gemeinsamen Stand sind.

Stephanie: Ich habe mir Folgendes notiert:

„In dem Buch versucht die Autorin meines Erachtens, mithilfe persönlicher und fremder Anekdoten die Lesenden dazu zu ermutigen, die eigene Kreativität auszuleben. Konkret veranschaulicht sie u. a., dass Kreativität nicht bedeutet, hochbegabt oder ein Genie sein zu müssen, und mit welchen Hindernissen oder Hemmnissen viele Menschen konfrontiert sind, wenn sie kreativ sein wollen. Auch gibt sie, oft auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen, Tipps oder Empfehlungen, wie sich Alltag und kreatives Schaffen vereinbaren lassen. Im sechsten von insgesamt sieben Kapiteln richtet sie sich an Menschen, die vorhaben, ihr kreatives Hobby – so wie sie – zum Beruf zu machen.“

Wiebke: Schön zusammenfasst. Ich habe das diesmal nicht so elaboriert vorbereitet. Aber ein Kontrast ist immer gut.

„Melanie Raabe lädt mit ihrem Buch alle ein, sich auf die eigene Kreativität zu besinnen. Sie klärt auf, in welchen Facetten uns Kreativität im Alltag begegnet und plädiert dafür, sie als Kraft zu begreifen und ihr im Leben mehr Raum zu geben.“

Stephanie: Mir ist mit Hilfe deiner Formulierung der Titel des Buchs jetzt einleuchtend. Denn das ist ein Punkt, über den ich mir sehr viele Gedanken gemacht habe. Ich hatte den Eindruck, dass der Untertitel gar nicht so gut passt, weil ich gar nicht erfahren hatte, wie Kreativität uns mutiger, glücklicher oder stärker macht. Ich hatte es eher als Hypothese gelesen und wir schauen im Verlauf des Buchs, wie wir Kreativität konkret umsetzen. Aber so wie du es zusammengefasst hast, kommt die Essenz, die zwischen den Zeilen mitschwingt, stärker heraus. Wir werden nicht wegen der Kreativität mutiger sein, sondern wir sollen mutiger sein, um kreativ zu werden. Mut haben, unsere Kreativität zu leben.

Wiebke: Oder es fordert dazu auf, im Alltag den Fokus stärker darauf zu legen, wo wir Kreativität bereits zelebrieren und uns darüber gar nicht bewusst sind. Das ist interessant, dann lassen sich in den Zusammenfassungen unsere unterschiedlichen Erwartungshaltungen an das Buch herauslesen. Aber wenn wir schon bei Kreativität im Alltag sind, bringt mich das zu meiner nächsten Frage: Wann warst du heute kreativ?

Kreativität im Alltag

Stephanie: Lass mich mal überlegen. Ich glaube, ich war nämlich heute kreativ – oder doch nicht? Oder war das gestern? Ein Nebeneffekt vom ständigen Zuhausesein ist, dass ich kein Zeitgefühl mehr habe, es verschwimmt alles. Ich habe heute Tagebuch geschrieben und vorgestern habe ich ein eigenes Muffin-Rezept kreiert. Vor kurzem habe ich an einer Zeichnung gearbeitet. Aber ansonsten war ich aktuell nicht sehr kreativ.

Wiebke: Hattest du heute vielleicht einen kreativen Gedanken? Manchmal wandern die Gedanken und wir sehen Bekanntes in neuem Licht, das ist nirgendwo dokumentiert oder sichtbar.

Stephanie: Also es ist tatsächlich so, dass im Alltag manchmal Ideen aufkommen, dann denke ich: „Dazu könnte ich eine Geschichte oder ein Foto machen“. Aber nein, das hatte ich heute nicht.

Wiebke: Ich muss diese Frage heute leider auch verneinen. Vielleicht habe ich in Social Media einen Beitrag originell kommentiert. Aber es gibt andere Tage, an denen ich Interessanteres berichten könnte. Aber das finde ich für dieses Gespräch auch nicht problematisch, denn es zeigt, dass Routinen und zu viele Verpflichtungen Kreativität abtöten können. Jedenfalls ist das bei mir so. In den letzten Jahren hatte ich ständig Stress und Verpflichtungen. Meine Kreativität kommt jetzt erst zurück. Ich versuche dieser Fähigkeit wieder bewusst Raum zu geben. Ich fühle mich an Tagen zufriedener, an denen ich kreative Gedanken hatte oder etwas Nettes ohne Sinn und Zweck getan habe. Aber ich kann leider nicht sagen, dass ich das täglich erlebe. Das geht zwischen all der Disziplin, den To-do-Listen und dem Ringen um Struktur unter. Das ist traurig, denn Kreativität ist eigentlich ein Problemlöser. Wenn ich also stoisch Dinge abarbeite, stehe ich mir eigentlich selbst im Wege. Ich denke, ich sollte öfter üben, von Situationen mental zurückzutreten. Denn Distanz ermöglicht einen anderen Blick auf Dinge. Da habe ich schon Fortschritte gemacht, aber es gibt noch Potential. Ein Tag ohne Kreativität ist ein grauer Tag.

Ich war für einen begrenzten Zeitraum von Verpflichtungen befreit. Das war eine Zeit und eine Aktivität ganz ohne Druck.

Stephanie über Voraussetzungen für Kreativität

Stephanie: Das Gefühl kenne ich auch. Ich komme aus der Übung, umso mehr ich in die Mühlen des Alltags gerate. Die letzte kreative Phase, in der ich ganz im Prozess aufging, hatte ich zwischen meinem letzten und dem neuen Job. Ich bin morgens aufgestanden, um zu malen. Gar nicht für ein Ergebnis, sondern aus Freude, um eine neue Technik auszuprobieren. Das war einfach schön. Ich war für einen begrenzten Zeitraum von Verpflichtungen befreit. Das war eine Zeit und eine Aktivität ganz ohne Druck. Diese Erfahrung hatte ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht und sie kam nur zustande, weil die Routine aufgebrochen war. Ich wusste, dass der Zeitraum begrenzt ist, danach würde etwas Neues beginnen, auf das ich mich freute. Ich konnte mich in diese „Zwischenzeit“ hineinfallen lassen. Wenn ich hingegen lange Phasen ohne Struktur erlebe, so wie z. B. jetzt gerade, wenn wir alle zu Hause sind, hemmt das meine Kreativität. Ich habe eigentlich Zeit und bin vermeintlich frei, aber wiederum auch nicht. Denn die Sachen, die mir am Herzen liegen, kann ich nicht umsetzen. Es gibt also einerseits Routinen von Arbeit und Alltag, die einschränken und Kreativität stören; aber andererseits auch Phasen, in denen es keine Struktur gibt, die sehr viel Disziplin erfordern, die ebenfalls unkreativ machen.

Was ist eigentlich Kreativität?

Wiebke: Ich kann das auch bestätigen. Zeitverknappung macht produktiv – also kreativ produktiv. Mit Produktivität ist für mich jedoch meist der Begriff Effizienz verbunden und mit diesem Gedanken habe ich so meine Probleme. Ich habe diesen Anspruch selbst ganz oft und ich bemerke ihn auch bei anderen. Inzwischen scheint es fast eine eigene Tugend zu sein: Den Tag möglichst effektiv nutzen. Aufgaben in eine ideale Reihenfolge zu bringen, damit alles wie ein Puzzle ineinandergreift. Aber darin gibt es keine Pausen – jedenfalls bei mir. So wie du es gerade beschrieben hast. Es braucht einen Raum mit Struktur und dann einen Freiraum, in dem wir uns fallen lassen können. Ohne Pausen gibt es keinen Raum für Kreativität. Mein Effizienz-Anspruch frisst diese Pausen machmal auf, damit sabotiere ich mich im Grunde selbst. Kreativität ist menschlich. Wir sind alle kreativ – auch wenn wir uns manchmal darüber nicht bewusst sind. Das ist vielleicht sogar die Kernaussage des Buchs. Mir hat das Buch bewusst gemacht, dass Kreativität mein Antrieb ist. Sie ist der gemeinsame Nenner meiner Entscheidungen, für die vielfältigen Erfahrungen, die ich gesammelt habe. Das habe ich vorher nicht erkannt. Das liegt an der offenen und weiten Definition von Kreativität, die Melanie Raabe im Buch anbietet. Es gibt vielfältige Formen, in denen sich Kreativität äußert. In diversen Ausdrucksformen und den großen und kleinen Dingen. Daher ist mir das Buch wichtig. Ich habe darin keine handfesten Tipps gesucht, sondern wollte mir selbst wieder Lust darauf machen, offener zu sein. Ich wollte meinen Blick verändern und das hat funktioniert.

Stephanie: Das habe ich auch so wahrgenommen. Dieser Gedanke, dass in kleinen Dingen des Alltags Kreativität steckt, war sehr ermutigend. Mir wird gerade bewusst, dass meine Definition von Kreativität bisher immer bedeutete, dass ein künstlerischer Wert dahinterstehen muss. Das hat mich oft gehemmt. Daher hat mir das Buch eine wichtige Erkenntnis ermöglicht. Für mich hat Kreativität bedeutet, ein Kunstwerk zu erschaffen. Es hieß, dass ich darin gut sein und das Werk vor anderen bestehen müsste. Bewertung spielte dabei eine wichtige Rolle. Die Autorin betrachtet Kreativität jedoch ganzheitlich. Sie legt anschaulich dar, dass es im Grunde um Spaß und den Prozess geht. Es geht darum, den eigenen Leidenschaften nachzugehen, die Kraft geben. Sie beschreibt, dass viele kreative Taten dazu führen, dass man weiterdenken kann. Denn wenn ich beginne, den Blick zu öffnen, fallen mir häufiger andere Dinge auf als zuvor. Mir kamen früher viele kreative Gedanken beim Zugfahren, einfach wenn ich aus dem Fenster sah – Bilder oder Geschichten, die niemals aufgeschrieben wurden. Beispielsweise in Büschen, die am Rand stehen und sich im Wind wiegen, winkende Hände zu sehen. Das sind Gedanken, die mich zum Schmunzeln bringen. Wenn ich daran denke, wie viel Kraft mir diese Fantasie damals gegeben hat… Das ist jedoch etwas, dass mir im Laufe der Zeit abhandengekommen ist. Wenn ich heute Zug fahre, schlafe ich oder schaue aufs Handy oder höre Musik und wenn ich Glück habe, spinne ich mir daraus etwas zusammen.

Wenn es dir wichtig ist, bleib dran!

Wiebke: Neben all den motivierenden Impulsen und neuen Erkenntnissen, gab es für mich einen wehmütigen Moment bei der Lektüre. Du hast vorhin gesagt, dass du den Eindruck hattest, dass sich das Buch eventuell an Anfänger:innen richtet, die sich voller Tatendrang in das Thema stürzen. Wir beide haben uns auf dem kreativen Weg schon Blessuren geholt. Wir haben zwar persönliche Erfolgsgeschichten gesammelt, aber wir sind auch schon einige Jahre versumpft.

Stephanie: Versumpft ist ein guter Ausdruck dafür.

Wiebke: Mir ist bei der Lektüre bewusst geworden, wie viel Zeit ich verloren habe, indem ich gezweifelt habe und diesen hemmenden Wertebegriff hatte. Ich dachte, so wie du es auch geschildert hast, dass Kreativität vor allem das Ergebnis ist und der Weg dahin nicht zählt. Ich habe das nicht als Ganzes gesehen. Besser gesagt, für andere konnte ich das durchaus gelten lassen, jedoch nicht für mich. Ich habe meine Entwicklung in diesem Bereich nicht gesehen, sondern nur als unstet wahrgenommen.  Dabei ist mir eine Geschichte eingefallen, die erklärt, warum es so wichtig ist, etwas zu tun und daran festzuhalten, wenn man es gerne macht – unabhängig davon, ob es ein Beruf ist oder ob überhaupt irgendjemand zuschaut.

Vor ein paar Jahren besuchte ich eine Freundin in Straßburg. Sie wohnte dort in einer alten Villa, die einer Dame gehörte. Die Dame lebte selbst in einer Seniorenresidenz und ihr Haus vermietete sie an Studierende. Es war wie aus dem Bilderbuch. Ein abgerocktes Gebäude mit knarzender Holztreppe. Der Flur war vollgehängt mit alten Ausstellungsplakaten aus den 80er Jahren, in den Wohnungen Reise-Souvenirs und Spuren eines Lebens. Alles erzählte die Geschichte einer Familie, die dort einmal gelebt hat. Ich habe die Dame niemals kennengelernt, aber sie war omnipräsent. Mit ihr verband ich eine Gastfreundlichkeit und Weltoffenheit, das allein war beeindruckend. Diese Dame hat ihr Leben lang gemalt und gezeichnet und die Bilder waren im ganzen Haus verteilt. Es gab kein Zimmer, in dem nicht mindestens ein gerahmtes Bild von ihr hing. Sie waren alle signiert und datiert. An Motiven, Themen, Stilen und Materialien war zu erkennen, was sie über die Jahrzehnte beschäftigte. An den Bildern ließ sich ihre Entwicklung ablesen. Sie hat nur für sich gemalt und die Bilder nur für sich aufgehängt. Ziel war weder ein Verkauf noch ein Publikum aus Studierenden. Es stecken viele Themen in dieser Geschichte. Die Dame hat in ihrem eigenen Haus kuratiert. Sie hat bestimmten Bildern durch die Rahmung Bedeutung verliehen, überlegt, welche Bilder sie täglich vor Augen haben mag, was in ihrem Schlafzimmer hängen soll, welche Bilder sie ins Gästezimmer hängt oder im Flur zu sehen sind, wenn der Postbote klingelt. Es ging um Selbstvergewisserung und Identität. Diese Geschichte hat mir vor Augen geführt, was Konstanz bedeuten kann. Einfach dranbleiben ist das Credo. Denn am Ende des Lebens können wir auf etwas Besonderes zurückblicken. Im Rückblick ergeben sich wieder andere Perspektiven. Das möchte ich auch einmal erleben. Es ist so wertvoll, eine persönliche kreative Ausdrucksform zu finden und daran festzuhalten – unabhängig von Bewertungen anderer.

Stephanie: Das ist schön. Solche Geschichten, werden im Buch auch immer mal wieder aufgegriffen. Deine Erzählung passt dazu.

Mir gefiel ihre bodenständige Art, dass sie eben nicht den Eindruck vermittelt, nur besonders innovative Ideen hätten eine Daseinsberechtigung

Stephanie über die symphatische Autorin

Wiebke: Was hat dich persönlich an dem Buch angesprochen?

Stephanie: Vieles haben wir schon erwähnt. Persönlich angesprochen hat mich auch die sympathische Autorin. Mir gefiel ihre bodenständige Art, dass sie eben nicht den Eindruck vermittelt, nur besonders innovative Ideen hätten eine Daseinsberechtigung oder als wisse sie als erfolgreiche Autorin ganz genau, wie der Hase läuft. Denn sie schildert gelegentlich persönliche Hürden, die sie auf ihrem Weg meistern musste. Dadurch konnte ich mich an einigen Stellen sehr gut mit ihr identifizieren – und manchmal fühlte ich mich sogar etwas durchschaut. Sowohl die immer wieder eingestreuten Empfehlungen (für Websites, Podcasts und Apps) als auch die Geschichten aus dem Leben berühmter Menschen finde ich unterhaltsam. Das Buch hat mir vor Augen geführt, dass ich die Alltagskreativität wieder mehr in meinem Leben haben möchte.

Das hätten wir gerne früher gewusst

Wiebke: Im Vorhinein habe ich dich gefragt: „Wenn du eine Postkarte an dein jüngeres Ich schreiben würdest. Welche drei Tipps oder kleinen Geschichten würdest du aufschreiben?“

Stephanie: Es ist eher ein Brief als eine Postkarte geworden. Ich habe mir einige Stellen aus dem Buch herausgesucht, die mir wichtig sind und mein jüngeres Ich bestimmt angesprochen hätten:

Du musst keine offiziell anerkannte Künstlerin werden und es macht trotzdem Sinn, dir Zeit zu nehmen, um kreativ zu sein. Denn dies lässt dich aufblühen und gibt dir Kraft und Motivation für die alltäglichen Herausforderungen.

Vgl. „Kreativität“, S. 39.

„Zu hohe Erwartungen töten Kreativität.“ Erwarte keinen Lohn oder Anerkennung für das, was du machst, denke also nicht an die Reaktionen auf das Ergebnis, sondern genieße den Prozess. Dich bewegt und beschäftigt etwas, das möchtest du kreativ verarbeiten. Tu es und denke nicht darüber nach, was andere dazu sagen könnten oder damit anfangen würden.

Vgl. „Kreativität“, S. 205.

Wenn du deine Produkte zeigst oder teilst, merke dir: Kritik sagt in erster Linie nichts über dich und dein Werk aus, aber eine Menge über die Person, von der sie kam . Es dauert lange, es braucht Durchhaltevermögen und es macht doch Spaß und Freude, eine Sandburg zu bauen. Sie zu zerstören dauert eine Sekunde und erfordert nichts außer Zerstörungswillen. Hab‘ also keine Angst vor der Meinung anderer, schäme dich nicht für das, was du tust. Denn du machst es mit Leidenschaft, du investierst viel Zeit und Gedanken und es erfüllt dich, auch wenn das Produkt nicht perfekt oder ein Meisterwerk ist.

Vgl. „Kreativität“, S. 210-212.

Dieses Bild von dem Kind war für mich anschaulich. Es hat mühevoll seine Sandburg aufbaut und dann kommt jemand und tritt rein. Das hat mich sehr berührt und ich glaube, das wäre schon meinem früheren Ich so gegangen.

Wiebke: Vor allem helfen Bilder sehr dabei, Dinge zu verinnerlichen. Sie können leicht mit dem Gefühl verknüpft werden. Die ausgewählten Passagen aus dem Buch greifen auf, was wir vorher schon lose besprochen hatten. Schön, damit haben unsere Leser:innen gleich die passenden Textstellen parat.

Stephanie: Was würdest du denn deinem jüngeren Ich mitteilen?

Wiebke: Nachdem ich das Buch fertiggelesen hatte, schrieb ich aus dem Zusammenhang diese Postkarte:
„Fang einfach an. Kultiviere deinen besonderen Blick auf die Welt. Auch wenn dich einige Menschen dafür vielleicht seltsam finden könnten. Kreativität ist dein persönlicher Schatz. Menschen, die dich lieben, lieben dich für diese besondere Art. Wenn du dir treu bleibst, wirst du auch andere Menschen dazu inspirieren. Kultiviere die großen und kleinen kreativen Gedanken – auch die originellen Antworten und die kleinen Gesten. Und hab‘ immer ein Notizbuch dabei!“

Stephanie: Das sind Tipps, die ich nicht nur für mein jüngeres Ich, sondern auch für jetzt gerne festhalten würde. Einfach, um mich immer mal wieder daran zu erinnern.


Wir haben diese Ausgabe gelesen:
Melanie Raabe: Kreativität. Wie sie uns mutiger und stärker macht, btb, München 2020, [ISBN: 978-3-442-75892-0, Hardcover, 325 Seiten.]

Wir sprechen über „Unterleuten“ von Juli Zeh

Über das Buch

Amira und ich sprechen über einen modernen Gesellschaftsroman. Im Jahr 2016 erschienen, hat sich „Unterleuten“ von Juli Zeh inzwischen zur Pflichtlektüre entwickelt. Scheinbar haben ihn schon alle gelesen. Mir haben Freundinnen jedes Mal berichtet, wie entsetzt sie vom Ende waren. Das hat mich neugierig gemacht. Die Lektüre fühlt sich wie ein unerträglicher Mückenstich an. Wir jucken, bis es blutet. Das ist zwar unangenehm, aber gleichzeitig sehr befriedigend. Amira und ich reden über Vater-Tochter-Beziehungen, große Egos, Perfektionismus und den Wunsch über persönliche ostdeutsche und westdeutsche Biografien zu sprechen – da es 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, um mehr geht als Stereotype.

Wer liest?

Amira arbeitet am Theater und sie zieht ganz gern um – das haben wir gemeinsam. Vielleicht ist ihr Ziel einmal in allen Bundesländern gelebt zu haben – das bleibt ihr Geheimnis. Nach Stationen in Sachsen und Sachsen-Anhalt wohnt sie jetzt irgendwo in Bayern.


Unser Buchgespräch

Wiebke: Gut, dass wir über die Geschichte sprechen. Mich hat sie etwas verwirrt – oder sogar verstört – zurückgelassen. Warum hast du dir den Roman „Unterleuten“ ausgesucht? Was hat dich an der Geschichte besonders angesprochen?

Amira: Da ich selbst einige Jahre in Ostdeutschland gelebt habe, hat mich das Setting gelockt. Schlussendlich hat sich herausgestellt, dass der Roman keine „ostdeutsche“ Geschichte erzählt. Sie hätte in großen Teilen auch von einem westdeutschen Örtchen handeln können. Aber die regionalen Bezüge – z. B. zur DDR-Geschichte oder der große Kontrast zwischen der nahen Hauptstadt und dem Landleben – gibt es in dieser Art selbstverständlich nur in Brandenburg. Als ich das Buch las, hatte ich gerade die Serie „Warten auf‘n Bus“ gesehen. Das Leben auf dem Land im Osten beschäftigte mich daher. Ich finde an dem Roman die Beschreibung vom Dorfleben spannend und mich haben die ostdeutschen und westdeutschen Biografien interessiert und die Dynamik, wenn Menschen mit beiden Sozialisationen aufeinandertreffen. Diese Details reizen mich, da ich mich persönlich mit ihnen schon oft beschäftigt habe. Mein Freund kommt selbst aus Rostock. Irgendwann möchte ich gerne kapieren, was da passiert, wenn sich Menschen mit diesen Hintergründen begegnen. Das Buch hilft dabei Menschen mit ihren Schicksalen zu sehen und Stereotype zu hinterfragen. Alle haben ihren einzigartigen Lebenslauf.

Wiebke: Das Buch hast du auch ausgewählt, da du dir eine Verständnishilfe erhofft hast? Diesen Wunsch habe ich bei mir auch schon bemerkt. Wir gehören beide zur ersten Generation, die im wiedervereinten Deutschland aufgewachsen ist. Die Grenze war plötzlich weg, aber das Zusammenwachsen ist ein längerer Prozess. Denn erst mit den Jahren vermischen sich die Leben weiter miteinander und es gibt mehr Berührungspunkte. In dem Buch kommen häufiger Wünsche für die nächste Generation vor. Es geht dabei, um die Auseinandersetzung mit sich selbst, was wir weitergeben, was wir hinter uns lassen und was die Kinder besser machen sollten. Ich habe kürzlich begonnen den Podcast „Kohlkids“ zu hören. Hier werden genau solche Themen besprochen. Scheinbar gibt es ein Bedürfnis sich auszutauschen. Wir stellen uns Fragen, darüber wie die Sozialisierung im Westen und im Osten war und wie es erlebt wird, wenn auf einmal ein System nicht mehr vorhanden ist, in dem man aufgewachsen ist. Auch wenn es hier keine abschließenden Antworten gibt, ist es doch wichtig darüber zu sprechen und zu fragen: Wie hast du das erlebt? Wie war das bei euch? – Um in die Geschichte einzusteigen, lass uns versuchen das Buch in fünf Sätzen zusammenfassen. Das ist bei 635 Seiten recht sportlich.

Amira: Eigentlich kann man die Geschichte doch ganz kurz erklären. Es geht um den Mikrokosmos eines Dorfes, um die Lebensläufe der Figuren und um ein Thema, das plötzlich aufkommt und aus dem alle Bewohnerinnen und Bewohner ihren persönlichen Nutzen ziehen wollen.

Wiebke: So würde ich das auch beschreiben. Ich habe mir das folgendermaßen notiert:

Die Bewohner eines Dorfs in Brandenburg sind über Generationen hinweg durch ein Netz aus Intrigen und Allianzen verbunden. Der Wechsel der politischen Systeme verändert zwar die Kulisse, doch große Egos und konträre Lebensentwürfe bestimmen das Geschehen. Als ein Windpark gebaut werden soll, vermischen sich alte und neue Konflikte. Alles eskaliert und am Ende bleibt die Frage: Was ist wirklich wichtig? Wofür sollten wir uns einsetzen? Fatalismus und die Erkenntnis, dass es keine Wahrheit gibt, bleiben zurück.

Dass es keine Wahrheit gibt, war für mich ein sehr eindrückliches Motiv. Alle haben ihre eigene Wahrheit. Das zieht sich durch das ganze Buch. Ich habe den Figuren immer wieder zugestimmt, auch wenn die Gedankengänge teilweise bizarr waren.

Amira: Das ging mir auch so. Zu Beginn werden wir in die Perspektiven der Figuren eingeführt. Die Positionen werden überzeugend dargestellt, so dass wir im Laufe der Zeit alle Positionen nachvollziehen können. Die Beschreibung bleibt aber immer distanziert, so dass wir keine Figur ins Herz schließen. Alle anderen Figuren haben von mir immerhin noch einen Funken Sympathie bekommen. Allein die Pferdefrau – Linda Franzen – war von Anfang bis Ende bei mir unten durch.

Wiebke: Keine der Figuren eignet sich zum Superhelden. Aber hat dich eine Figur besonders bewegt?

Amira: Am Anfang hatte der Naturschützer Fließ bei mir Pluspunkte, da er ein Öko ist. Aber beim näheren Hinsehen, kommt diese Figur in der Geschichte – so wie alle – schon zu Beginn nicht gut weg. Dann ist die Figur des Gombrowski natürlich faszinierend, da er zum Schluss den letzten Schocker setzt. Und sein Widersacher Kron war auch spannend, weil er so facettenreich ist. Dass er alleinerziehender Vater war, ist zum Beispiel ein interessantes Detail, das nicht zum allgemeinen Bild dieser Figur passt.

Wiebke: Es gibt mehrere Vater-Tochter-Beziehungen in diesem Buch. Schaller, der Schläger mit Gedächtnisverlust, zum Beispiel beschließt sich in seinem neuen Leben an jedem Tag erneut als guter Mensch zu beweisen. Das nimmt er sich für seine Tochter Miriam vor. Scheinbar hat es seine Tochter geschafft sich aus dem sozialen Milieu herausarbeiten, in dem sie groß wurde. Sie lebt inzwischen in Berlin und studiert.

Amira: Schaller ist eine sehr unsympathische Figur. Das drückt sich auch in dem Namen – das Tier – aus, den ihm die Nachbarn geben. Dass die Tochter so ein guter, moralischer Mensch sein soll, ist ein bisschen unglaubwürdig. Wie konnte sie solch ein Engel werden, wenn sie so einen Vater hat?

Wiebke: Wir erfahren von Miriam aber immer nur aus der Perspektive von Schaller selbst. Das ist keine objektive Beschreibung. Gombrowski hat auch eine Tochter – Püppi, die in Freiburg promoviert. Sie hat den Kontakt zu ihrem gewalttätigen Vater abgebrochen. Ihre Eltern finanzieren sie allerdings weiterhin. Gombrowski empfindet Püppi als undankbar und arrogant. Er wäre lieber der Vater von Betty – der Tochter seiner Freundin Hilde – die ist eher nach seinem Geschmack. Im Gegensatz dazu hat sein Widersacher Kron genau diese Vision für seine Enkelin. Er wünscht sich für sie, dass sie eines Tages ein besseres Leben fern vom Dorf führt. Dafür möchte er ihr eine gute Ausbildung ermöglichen und hofft, dass die nächsten Generationen ihre Herkunft und alle damit verbundenen alten Konflikte vergessen. Das was Gombrowski mit Püppi bereits erreicht hat und bedauert, wünscht sich Kron für seine Familie. Allerdings hat er das im ersten Anlauf mit seiner Tochter nicht geschafft. Sie hat studiert und kam für ihren Vater ins Dorf zurück. Im Epilog wird beschrieben, dass die Enkelin, so wie ihr Großvater zuvor, im Forsthaus leben möchte. Darin liegt eine Tragik, die sich durch das ganze Buch zieht. Die Protagonisten wünschen sich ständig etwas für eine nahestehende Figur, aber niemand erfüllt es. Denn diese Wünsche werden oft missverstanden und schließlich halten sich die Figuren selbst gefangen beim Versuch es anderen recht zu machen.

Amira: Die Geschichten der Töchter zeigen auch, dass Frauen es eher mal schaffen rauszukommen, das Dorf hinter sich zu lassen und sich zu weiterzuentwickeln. Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, ist vielleicht so ein Beispiel. Jedenfalls waren es dort eher die Töchter, die weggegangen sind, um etwas ganz Neues zu beginnen. Im Roman wäre es interessant gewesen, einen Sohn im Vergleich zu sehen.

Wiebke: Mir fällt dazu noch Karl, der Indianer, ein. Er ist wahrscheinlich aus dem Dorf, aber die Figur wird nicht erklärt. Er spielt für das Dorfleben keine wesentliche Rolle und wird als Sonderling geduldet. Die Autorin hat eher die Frauenbiografien herausgearbeitet. Es gibt keinen Vergleich zu einem Sohn, der ein Erbe übernommen hat oder von dem erzählt wird, dass er weggegangen ist. Kron und Gombrowski sind zwar Söhne, die schwer an ihren Familiengeschichten tragen, aber in der nächsten Generation gibt es kein Äquivalent.

Amira: Es gibt viele Frauenschicksale in diesem Buch. Es gibt zwar auch die großen Männer, doch die Frauen machen es erst richtig vielschichtig. Es gibt eine Stelle an der Gombrowski über die Bedeutung der Frauen in seinem Leben nachdenkt:

Trotzdem liebte Grombrowski seine Frauen, jede einzelne, so verschieden sie waren. Männer besaßen keine Persönlichkeit, sie waren alle gleich. Wer echtes Leben wollte, musste sich mit Frauen umgeben.

Vgl. „Unterleuten“, S. 312.

Mit Frauen ist Entwicklung möglich, mit ihnen umgibt er sich gerne. Das ist wieder eine Seite am Gombrowski, die ihn doch zu einer meiner Lieblingsfiguren gemacht hat.

Wiebke: Eine Hassliebe. Er ist auch ein gewalttätiger Vater und Ehemann. Gombrowski ist ein fatalistischer Charakter und Machtmensch.

Amira: Und in seiner Denkweise ist seine Geschichte auch wiederum sehr traurig. Es ist wie immer in diesem Buch, wenn die Figuren ihre Perspektiven erzählen, gewinnen wir sie doch lieb. Wir können ihre Beweggründe nachvollziehen. Gombrowski will immer das Beste für das Dorf. Er möchte allen Jobs und Perspektiven eröffnen. Er reißt sich ein Bein aus, um das Land zusammenzuhalten. Aber alle jammern nur und niemandem kann er es recht machen.

Wiebke: Es gibt noch ein anderes Motiv, das mich interessiert hat, da ich darin unsere Generation wiedergefunden habe. Es ist die Szene, wenn Pilz den Windpark präsentiert. Es ist die Stelle:

Was diese Generation verband, war der unbedingte Wunsch alles richtig zu machen, keinen Fehler zu machen und damit unangreifbar zu sein.“

Vgl. „Unterleuten“, S. 151.

Ähnliche Stellen gibt es bei Linda Franzen. Sie nutzt das Buch eines Selbstoptimierung-Gurus als Entscheidungshilfe. Zwischen Pilz und Franzen habe ich eine Verbindung gesehen. Ich glaube, das sind aktuell sehr verbreitete Motive: Effizienz und Fehlerfeindlichkeit.

Amira: Klar, es gilt das Beste aus uns rausholen. Es heißt „Ressourcen nutzen”. Wir machen Yoga und achten auf die Work-Life-Balance. Das ist ein Phänomen. Pilz ist zwar sehr jung und hat keine Lebenserfahrung, aber er ist professionell oder gefühlslos. Er schafft es die Reaktion des aufgebrachten Publikums nicht auf sich zu projiziert. Er ist vollkommen distanziert. Seine Motive werden nicht erklärt. Macht er das, weil erneuerbare Energien eine gute Sache sind? Macht er das für Geld? Wir kennen seine Motivation nicht. Was lässt ihn so abgebrüht sein? Aber würdest du dich damit einschließen? Ich dachte, dass für unsere Generation Geld weniger entscheidend ist und wir eher sinnstiftende Ziele verfolgen.

Wiebke: Ich würde es auch so einschätzen, dass Geld eine geringere Rolle spielt und andere Karrierewege interessant sind. Aber mir ist kontinuierlich ein Leistungsdruck begegnet und ich merke, dass ich das verinnerlicht habe. Auch wenn ich dem nie gerecht geworden bin. Durch Zentralabitur und das Bachelor-Master-System im Studium war alles durchgetaktet. Ständig gab es das nächste Ziel vor Augen. Es gibt Regelstudienpläne, die erfüllt werden sollen und die kontrolliert werden – Meilensteine wie im Job. Falls die Bürokratie nicht erfüllt wird, muss eine Extrarunde gedreht werden. In diesen idealen Plänen gibt es keine Zeit für Fehler oder Zweifel. Diesen Anspruch habe ich auch bei anderen Studierenden beobachtet und das ging quer durch alle Disziplinen. Das macht perfektionistisch und unkreativ und das sind zwei Eigenschaften, die es erschweren mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen. Die Frustrationstoleranz ist sehr niedrig. Daran musste ich denken, als ich von Franzen und Pilz las. Sie sind nicht monetär getrieben, sie haben auch keine politischen Ziele. Franzen zumindest verfolgt ein individuelles Ziel und ist damit sehr egozentrisch.

Amira: Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, das Buch zu lesen. Wir hatten zwar beide zu Beginn einen Hänger, aber die Handlung und die Charaktere sind spannend. Die Geschichte bekommt so eine Dynamik. Zu Beginn werden die Figuren eingeführt und alles fühlt sich ganz bequem an. Aber als schließlich der Windpark vorstellt wird, droht alles zu eskalieren.

Wiebke: Das ist genau die Stelle, an der ich beim ersten Lesen meinen inneren Widerstand überwinden musste. Hier wurde mir klar, dass ich mich mit diesen Konflikten auseinandersetzen müsste und es lagen noch so viele Seiten vor mir. Das hätte ausufernd und anstrengend werden können. Es gibt diese zahlreichen Verstrickungen, die über die Generationen hinweg weitergegeben werden, darauf musste ich mich einlassen – und dann wurde es spannend!

Amira: Die Verstrickungen sind aber auch etwas Besonderes: Unsere Generation – wir beide sind da völlig miteingeschlossen – zieht alle zwei Jahre um. Wir kennen die Geschichten, der Orte an denen wir Leben, gar nicht mehr. Es wäre schön, das zu ändern.


Ich habe diese Ausgabe gelesen:
Juli Zeh: Unterleuten, 14. Auflage (Erstauflage 2016), btb Verlag, München 2017.