Kategorie: Sachbuch

Buchbesprechung: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen von Tim Parks

Ein Bücherstapel in meiner Timeline. Ich sehe ein Foto von Jennys neuen Secondhand-Büchern. Ein Cover blitzt mich an. Das ist es! Dieses Buch brauche ich für meinen Blog, um zu zeigen, weshalb Gespräche über Bücher wichtig sind: „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ von Tim Parks. Jenny und ich unterhielten uns über Lesegewohnheiten, Perspektivwechsel, literarische Übersetzungen und die Nobelpreis-Jury. Und haben viel gelacht.

Meine Gesprächspartnerin

Am liebsten kauft Jenny Bücher gebraucht und ihr Blog läuft selbstverständlich mit Öko-Strom. Anfang 2021 hat sie ihren grünen Blog jennysview.de gestartet. Dort schreibt sie über einen nachhaltigen Lebensstil. Sie zeigt, dass es bei diesem Thema nicht um Perfektion geht, sondern dass viele kleine Dinge zählen, um einen großen Unterschied zu machen. Es ist wichtig sich auf den Weg zu machen und offen für neue Lösungen zu sein. Ihre neuen Erkenntnisse, nützlichen Tipps und Buchempfehlungen für ein klimafreundliches Leben sind sehr lesenswert. Früher hatte Jenny einen reinen Buchblog. Ihre Bücherliebe lässt sich noch in ihrem ehrgeizigen Leseziel für 2021 erkennen, das sie inzwischen übertroffen hat. 2021 hat sie mit 89 Lektüren abgeschlossen.

Zum Inhalt

In „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ erklärt Tim Parks uns Leser:innen die Buchbranche in ihrem Facettenreichtum. In vier Teilen nimmt er uns mit auf die Reise. Er beginnt mit dem persönlichen Leseerlebnis, erklärt uns dann die Regeln des Literaturbetriebs, und lädt uns schließlich ein, die Perspektive der Autor:innen kennenzulernen. Zum Schluss geht es, um das, was mit einem Buch passiert, wenn man es in die Welt hinauslässt.


Buchgespräch mit Jenny

Wiebke: Diesmal geht es, um das Sachbuch „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ von Tim Parks. Lass uns mit einer kurzen Zusammenfassung des Buches beginnen. In diesem Fall fiel es mir schwer.

Jenny: Ich habe einen Satz.

Wiebke: Du hast es in einem Satz zusammenfasst? Sehr minimalistisch – passend zu deinem Blog-Thema.

Jenny: Ich habe notiert:

Ein Buch, das die Buchwelt von Leser:innen über Autor:innen und Verlage bis zu Übersetzer:innen und Preisverleihungen beleuchtet.

Wiebke: Gute Lösung. Entweder du beschreibst es ausführlich oder du sagst es, wie es ist: Er versucht die ganze Buchwelt zu erklären.

Jenny: Das Buch hat so viele Facetten. Parks schaut sich die Buchwelt an und beschreibt wer wie agiert. Dazu hat er einige Male eine deutliche Meinung. Ich bin nicht mit allem einverstanden. Aber das muss man auch nicht.

Sobald in einem Buchtitel die Wörter „Buch“ oder „Lesen“ vorkommen, weiß ich: Das muss ich haben.

Jenny

Buch für Buchfans

Wiebke: Das Sachbuch habe ich bei dir im Instagram-Feed entdeckt. Ich dachte das Thema brauche ich für meinem Blog. Warum hast du dieses Buch damals gekauft?

Jenny: Ich lasse mich von Titeln und Covern schnell fangen. Sobald in einem Buchtitel die Wörter „Buch“ oder „Lesen“ vorkommen, weiß ich: Das muss ich haben. Hinzu kam, dass ich vom Autor Tim Parks schon zwei Bücher gelesen habe. Daher wusste ich schon, dass mir sein Schreibstil gefällt.

Wiebke: Ich hatte vorher noch keinen Titel von Tim Parks gelesen. Welche kennst du schon?

Jenny: Ich habe sowohl ein Sachbuch als auch einen Roman von ihm gelesen: „Die Kunst stillzusitzen“ und „Sex ist verboten“. Im Kapitel 25 beschreit Parks, dass Autor:innen ihre Stimme und ihre Arbeit im Laufe der Zeit zwangsläufig verändern. Aber Leser:innen sind davon häufig irritiert, da die Autor:innen anders schreiben als bisher. In diesem Kapitel beschreibt Parks, dass er mit zwei Büchern für irritierte Reaktionen bei Fans sorgte. Das waren die beiden Bücher, die ich bereits von ihm gelesen hatte. Daher hat mir der Bezug im Text gefallen.

Wiebke: Beschreibt er in diesem Kapitel auch, dass Autor:innen, wenn sie ein anderes Genres schreiben möchten, ein neues Pseudonym brauchen? Das wird nämlich im Buch thematisiert. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass Schriftsteller:innen so stark mit einem Thema identifiziert werden und die Positionierung so starr ist.

Du sprichst mit deinem Beispiel einen guten Punkt an. Denn es gibt im Buch öfter Bezüge, die ich, durch die fehlende Lektüre, nicht verstand. Seien es Hinweise zu seinen eigenen Büchern oder anderer Literaten. Das war schade. Das Buch konnte ich zwar trotzdem verstehen. Aber für Literaturkenner:innen sind bestimmt noch Ebenen enthalten, die mir entgangen sind. Dennoch musste ich manchmal beim Lesen lachen.

Jenny: Er zitiert oft englischsprachige Klassiker. Ich musste viel recherchieren, um zu erfahren, wer gemeint ist. Das waren die zähen Stellen. Er kritisiert sogar dieses Verhalten und kann es doch selbst nicht lassen:

„Aber mehr noch als die Handlungen etablieren Rushdies dauernde Sprachfeuer, die vielen Pointen und Wortspiele und seine erbarmungslos zur Schau gestellte Belesenheit schnell eine Hierarchie, in der der Autor/Erzähler dominiert und dem Leser nichts anderes übrig bleibt, als in untätiger Bewunderung zu erstarren oder, falls das nicht klappt, sich zu ärgern.“

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen, Kapitel 18.

Wiebke: Parks ist seit Jahrzehnten in der Branche aktiv – in so vielen Rollen. Er ist Wissenschaftler, Autor, Übersetzer und Journalist. Er ist Jahrgang 1954 und schon immer Literatur begeistert, wie er es im Buch beschreibt. Er ist Engländer, lebt in Italien und ist kulturell auch Richtung USA orientiert. Die Startseite seines Browsers zeige den Literaturteil des Guardian, so Parks. Das alles kann er nicht so leicht abschütteln. Dieses Buch ist seine persönliche Sicht auf den Literaturbetrieb. So tief werde ich niemals in diese Branche eintauchen. Aber es war sehr nett, davon einen kleinen Einblick zu bekommen.

Jenny: Er macht im Buch darauf aufmerksam, dass die Bewertung stark mit dem persönlichen Hintergrund zusammenhängt. Wir als Personen, die Rezensionen schreiben, wissen: Natürlich ist jede Bewertung individuell. Er unterstreicht, dass es für eine Bewertung aber wichtig ist, wie und wo wir aufgewachsen sind und was wir bisher erlebt haben. Dadurch werden Bücher von Leser:innen ganz individuell wahrgenommen, obwohl im Zweifel jeder das gleiche Buch liest. Jeder Mensch zieht seine eigenen Facetten aus einer Geschichte. Das habe ich mir vorher nie so bewusst gemacht.

Wiebke: Das ist der Grund, weshalb ich gerne mit vielen verschiedenen Menschen für den Blog über Bücher spreche. Über Bücher zu sprechen ist ein guter Türöffner, um auf neue Themen zu kommen und über den Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin etwas zu erfahren.

Es gibt Zitat, dass gut erklärt, weshalb ich gerne über Bücher spreche oder warum ich es interessant finde, in welchen Worten eine Person ein Buch zusammenfasst:

„Inzwischen ist es schon ein Gemeinplatz, dass es eine ,korrekte‘ Art Bücher zu lesen, nicht gibt: jeder von uns findet in einem Roman etwas anderes. Über spezifische Leser und spezifisches Leseverhalten wird jedoch kaum geredet, und die Rezensenten liefern uns nach wie vor Interpretationen, die, wie sie hoffen, richtungsweisend oder sogar endgültig sind. […] Würden wir [die Rezensenten] alle einmal beschreiben, was uns geprägt hat, könnte das ein wenig Licht auf unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen werfen.“

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen, Kapitel 8.

Globaler Roman und literarische Übersetzungen

Wiebke: Welche Themen sind dir im Gedächtnis geblieben?

Jenny: Mich hat fasziniert, dass wir in Europa wohl gerne übersetzte Bücher aus dem amerikanischen Raum lesen. Es war mir nicht klar, dass wir, die mit amerikanischen Filmen, Serien, Büchern usw. aufgewachsen sind, davon stark geprägt wurden. Uns ist diese Kultur so bekannt, dass wir uns leicht in diesen Medien wiederfinden. Vielleicht gilt das für die gesamte englischsprachige Popkultur. Wenn ich mir das bewusst mache, bemerke ich, dass der Zugang für mich schwieriger ist, wenn ich einen Roman aus einer anderen Kultur lese. Das hat mich nachdenklich gemacht.

Dazu passen auch seine Gedanken zum „globalen Roman“. Man muss sich als Autor:in ans Publikum anpassen, damit die internationale Leserschaft Lust hat das Buch zu kaufen. Wenn ein Buch zu speziell ist und die Zielgruppe zu klein, veröffentlichen Verlage es nicht. Ich frage mich, wie viele gute Bücher gehen uns dadurch durch die Lappen?

Wenn ein Buch zu speziell ist und die Zielgruppe zu klein, veröffentlichen Verlage es nicht. Ich frage mich, wie viele gute Bücher gehen uns durch die Lappen?

Jenny

Wiebke: Tim Parks erklärt auch, was es für ein enormes Tempo braucht, um – kurz nach der Erstveröffentlichung in der Originalsprache – schon die Übersetzungen auf den Markt zu bringen. Teilweise arbeiten mehrere Übersetzer:innen gleichzeitig daran.

Jenny: Die Autor:innen arbeiten mehrere Jahre an einem Buch und die Übersetzer:innen sollen das schnell aus dem Ärmel schütteln. Klar, sie müssen die Geschichte nicht entwickeln. Aber Parks beschreibt, was das Übersetzen für eine herausfordernde und komplexe Arbeit ist. Es ist doch beeindruckend, wie in dieser kurzen Zeit vernünftige und gute Übersetzungen gelingen. 

Wiebke: Falls dich das Thema literarische Übersetzung interessiert, habe ich vor ein paar Wochen eine sehr interessante Podcast-Folge von „Salon Holofernes“ gehört. Das ist der Podcast der Musikerin Judith Holofernes. Es geht in dem Podcast um kreatives Schaffen und kreative Berufe. In der ersten Folge interviewt sie ihre Mutter, die literarische Übersetzerin ist. In der Folge geht es um den Beruf und sie beschreibt, wie sie sich an eine Literatur-Übersetzung herantastet, wie der Prozess ist und welches Tempo gefordert ist. Sie schildert auch, wie sie in der Branche überhaupt Fuß fasste. Die Folge kann ich sehr empfehlen.

Ich schaue nun öfter danach, wer der Übersetzer oder die Übersetzerin eines Buches ist. Dafür habe ich aber noch kein Wissen aufgebaut. Das entwickelt sich erst mit der Zeit.

Müssen wir Bücher zu Ende lesen?

Wiebke: Hast du eine Lieblings-Passage?

Jenny:  Ja, das zweite Kapitel: Sollen wir Bücher zu Ende lesen? Früher war ich der Meinung: Ich muss das. Mittlerweise denke ich: Nein, das muss ich nicht. Vor dem Gespräch habe ich die Zahl noch einmal recherchiert. 2020 sind in Deutschland knapp 70.000 Bücher veröffentlicht worden. Diese Menge werde ich noch nicht einmal in meinem ganzen Leben lesen können. Jedes Jahr erscheinen wieder viele neue Bücher. Meine Zeit ist zu knapp, um mich mit einem Buch zu beschäftigen, das mich nicht fesseln kann. Wenn mich ein Buch nach spätestens 100 Seiten nicht überzeugt hat, lege ich es weg. Ich lese schließlich in der Freizeit aus Spaß, um eine schöne Zeit zu verbringen.

Parks behauptet, wenn Leser:innen ein Buch gut gefällt, sollte man eventuell aufhören, wenn es am schönsten ist.

Jenny

Aber Tim Parks ist in diesem Kapitel noch weitergegangen. Er behauptet, wenn Leser:innen ein Buch gut gefällt, sollte man eventuell aufhören, wenn es am schönsten ist. Denn im Zweifel könnte das Ende nicht gefallen und den Eindruck verändern. Er selbst hätte gerne Hamlet ohne das Blutbad am Ende gelesen. Ich kann den Gedanken nachvollziehen. Manchmal wünschte ich mir ein Kapitel früher aufgehört zu haben.

Wiebke: Das hat mir auch gut gefallen. Obwohl ich nicht weiß, ob ich damit komplett mitgehe. Einfach aufhören, weil die Handlung nicht nach dem eigenen Geschmack ist… Man muss schließlich auch andere Perspektiven aushalten können. Aber das meint er wohl nicht damit. Ich mochte daran besonders, dass er das Abbrechen nicht nur für ungebliebte Bücher vorschlägt, sondern es auch selbst mit guten Büchern so hält. Das habe ich selbst noch nie getan.

Jenny: Ich auch nicht.

Wiebke: Manchmal passiert das zufällig. Dann steht das Buch im Regal und wartet darauf fertig zu gelesen zu werden. Dann hatte ich bisher immer ein schlechtes Gewissen. Aber mit dieser Einstellung ist es viel einfacher. Es sind Bücherberge von mir abgefallen.

Jenny: Enden sind auch nicht einfach. Jede:r hat eine andere Meinung, wie ein Buch enden darf. Mir hat noch nie jemand gesagt, dass man ein gutes Buch nicht zu Ende lesen muss.

Wiebke: Für diese Erkenntnis hat sich dieses Buch allein schon gelohnt. Das Buch hat aber generell so einige Überraschungen bereitgehalten.

Literatur-Preise

Wiebke: Parks hat das Thema Preisverleihungen im Kapitel 9 kritisch beäugt. Es gibt eine Passage über den Nobelpreis für Literatur.

Um sich ein Urteil über die Nominierungen für den Literatur-Nobelpreis bilden zu können, müsste, so Parks, ein Jurymitglied jedes Jahr ungefähr 200 Bücher lesen. Dies zusätzlich zum dem regulären Arbeitspensum – meist als Professor:in einer schwedischen Universität. Viele dieser Werke erscheinen nicht auf Schwedisch und auch nicht jeder Titel liegt in einer englischen Übersetzung vor. 2011 hat die Jury dem schwedischen Schriftsteller Tomas Tranströmer den Preis verliehen. Bei seiner Einschätzung am Ende des Kapitels musste ich lachen:

„Wie erleichternd muss es unter diesen Umständen sein, ab und zu einfach zu sagen, he, was soll’s jetzt zeichnen wir mal einen Schweden aus, im diesem Fall den Achtzigjährigen, der als größter Dichter seines Landes gilt und dessen Werk, wie Peter Englund [damaliger Jurypräsident] so charmant bemerkt, in einem einzigen schmalen Taschenbuch Platz fände. Kurz gesagt einen Gewinner, den die komplette Jury innerhalb weniger Stunden im reinen und vortrefflichen schwedischen Original zu lesen vermag. Vielleicht brauchten die Juroren mal ein Sabbatical. Ganz abgesehen vom in den heutigen Krisenzeiten nicht unwichtigen Nebeneffekt, dass der mit fast einer Million Euro dotierte Preis so in Schweden verbleibt.“

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen, Kapitel 9.

Jenny: Wenn man das wieder im Zusammenhang mit dem Kapitel über literarische Übersetzung betrachtet: Liest die Jury die Titel in Übersetzungen? Kann man ein Buch wirklich beurteilen, wenn man es nicht im Original liest? Bei der Übersetzung gibt es schließlich die Gefahr, dass dabei etwas verloren ging oder in der Übersetzung etwas anders ausgedrückt wird, als von den Autor:innen gemeint.

Wiebke: Das heißt Bücher werden eher in englischer oder schwedischer Übersetzung von der Jury gelesen. Bücher ohne Übersetzungen in diese Sprachen, werden wohl nicht berücksichtigt. Daher entspricht die Verleihung eher einem eurozentristischen Literaturkanon.

Jenny: Parks schildert aber auch, dass Preise genutzt werden, um politische Statements zu setzen. Man sollte Literaturpreisen als Leser:in also nicht zu viel Wert beimessen.

Wer sollte das Buch lesen?

Wiebke: Hat dir das Buch denn gefallen?

Jenny: Tim Parks hat sich über die Buchwelt viele Gedanken auf den verschiedenen Ebenen gemacht. Ich finde das super interessant. Ich denke zwar, es wird nicht maßgeblich mein Lesen verändern. Aber vielleicht in dem Punkt, dass ich mal wieder Bücher erwischen möchte, die weniger bekannt sind. Vielleicht werde ich etwas reflektierter lesen. Vielleicht frage ich mich eher, weshalb mir ein Buch gefällt.

Wiebke: Für mich hat es angestoßen stärker über meine die zukünftige Buchauswahl nachzudenken: Welchem Buch gebe ich eine Bühne? Möchte ich einen Hype befeuern? Was habe ich in einer Diskussion beizutragen? Braucht es eine kritische Stimme? Welche Bücher sind bisher wenig besprochen worden?

Das Buch hat mich darin bestärkt zukünftig vielfältiger zu lesen. Bücher sind eine Möglichkeit verschiedene Perspektiven aufs Leben zu bekommen. Das war mir nicht neu. Aber Parks ermöglicht mir als Hobby-Leserin einen neuen, größeren Blick auf den internationalen Literaturbetrieb, der mir sonst verborgen bleibt.

Jenny: Als Blogger:innen neigen wir auch dazu, die Neuerscheinungen zu bewerten, weil wir häufig Rezensionsexemplare erhalten. Es kommen jedes Jahr viele neue Bücher auf den Markt. Viele davon gehen unter, wenn keine große Medienkampagne gefahren wird. Backlist-Titeln schenke ich nun wieder mehr Aufmerksamkeit.

Wiebke: Würdest du das Buch denn empfehlen?

Jenny: Es ist ein Buch für Personen, die sich für den Literaturbetrieb interessieren. Wir erfahren, wie wir als Leser:innen ticken, wie Übersetzer:innen arbeiten, wie die Verlagswelt funktioniert, wie ein Buch in die Welt kommt. Viele, die sich mit Buchblogs beschäftigen, finden es bestimmt spannend.

So wie du es am Anfang treffend gesagt hast: Ein Buch für Menschen, die gerne das Wort „Buch“ im Titel haben.

Wiebke

Wiebke: Man muss sich mit Büchern auf einer Metaebene auseinandersetzen wollen. Es ist zwar schon ein populärwissenschaftliches Sachbuch, aber für eine spezielle Zielgruppe: für interessierte Laien. So wie du es am Anfang treffend gesagt hast: Für alle Menschen, die gerne das Wort „Buch“ im Titel haben.

Jenny: Ja, so wie für mich. Aber nicht für alle geeignet. Da fallen mir andere Bücher ein.

Wiebke: Welcher Titel wäre das denn zum Beispiel? Hast du zum Schluss für alle noch einen Buchtipp?

Jenny: Deutschland 2050. Es wird zwar nicht jede:r gut finden, aber es sollte jede:r gelesen haben. (Hier geht’s zur Rezension von Jenny)


Infos zum Buch

Ich habe diese Ausgabe gelesen:

  • Autor: Tim Parks
  • Titel: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen
  • Orginaltitel: Where I’m Reading From
  • Übersetzt von Ulrike Becker und Ruth Keen
  • Erste deutsche Auflage: September 2019
  • Taschenbuch-Ausgabe: 10 Euro
  • Verlag: Goldmann
  • 283 Seiten
  • ISBN: 978-3-442-15985-7
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Buchbesprechung: Kreativität das neue Buch von Melanie Raabe

Ein inspiriendes Buch über Kreativität

Über das Buch

Stephanie und ich haben zusammen das erste Sachbuch der Krimiautorin Melanie Raabe gelesen. Es trägt den Titel „Kreativität. Wie sie uns mutiger, glücklicher und stärker macht“. Ich bin eine fleißige Hörerin von „Raabe und Kampf“, dem Kreativitäts-Podcast, der Künstlerinnen Melanie Raabe und Laura Kampf. Daher weiß ich, dass die Autorin das Buch im vergangenen Jahr schrieb, während uns Corona überrollte. Es wurde sogar noch gegen Ende 2020 veröffentlicht. Was für ein Tempo für die Entstehung eines Buchs!

Einige von Euch haben das Buch parallel mit mir gelesen und wir waren im kontinuierlichen Austausch. Das hat mich ehrlich gefreut. Es hat mir wieder gezeigt, dass für viele von Euch Kreativität ein wichtiger Wert ist, und das ist doch eine wunderbare Basis für eine Freundschaft.

Heute sprechen Stephanie und ich stellvertretend über unser Leseerlebnis. Wir sprechen über Selbstzweifel, den Kreativitäts-Begriff an sich, die Bedeutung von Konstanz und warum Produktivität für uns Fluch und Segen zugleich ist.

Wer liest?

Stephanie ist ein kreativer Geist. Das merke ich immer wieder daran, wenn sie Erlebnisse und Geschichten auf ihre fantasievolle Art beschreibt. Sie testet regelmäßig neue künstlerische Ausdrucksformen. Kennengelernt habe ich sie als Hobby-Fotografin, dann durfte ich ihre berührenden Texte lesen und aktuell begeistert sie sich für Malerei. Alles trägt ihre unverwechselbare Handschrift. Ich freue mich schon auf all die Kunstformen, die sie im Laufe der Zeit noch für sich entdecken wird.


Unser Buchgespräch

Wiebke: Normalerweise würde ich dich zu Beginn des Gesprächs fragen, weshalb du das Buch ausgewählt hast. Aber diesmal habe ich dich gefragt, ob du dieses Buch mit mir lesen möchtest. Denn zum einen bist du für mich dafür prädestiniert, um über das Thema Kreativität zu sprechen, und zum anderen verbindet uns ein gemeinsames Schreib-Projekt, das wir während unserer Studienzeit umgesetzt haben.

Stephanie: Stimmt, das haben wir eine ganze Weile verfolgt und ich bin noch heute überrascht, dass es wirklich funktioniert hat und wir dabeigeblieben sind. Wir haben uns jeden Tag hingesetzt und jede von uns hat etwas geschrieben und anschließend haben wir darüber gesprochen.

Wiebke: Es hat eine Routine ins Schreiben gebracht. Das ist ein Punkt, über den Melanie Raabe im Buch ebenfalls schreibt, daher musste ich bei der Lektüre öfter an unser Projekt von damals denken. Hat dir denn das Buch gefallen?

Stephanie: Gerade bei der Vorbereitung auf unser Gespräch ist mir aufgefallen, dass mich das vierte Kapitel eingefangen hat. Der Stil hat mich sehr angesprochen. Das Kapitel ist kurz und prägnant. Aber vor allem spricht es mich an, da es genau meine Themen behandelt. Hier hatte ich das Gefühl, als würde mir der Spiegel vorgehalten werden. Aber nicht auf eine unangenehme Art, sondern wohlwollend. Da schreibt eine Autorin, die diese Gefühle kennt. Zu erfahren, dass diese Themen viele kreative Menschen beschäftigen, war sehr spannend. In dem Kapitel geht es um Zweifel, Introvertiertheit, Perfektionismus, Ängste, Prokastination und vieles mehr. Insgesamt muss ich sagen, dass gerade die Lebensgeschichten oder Beispiele von Kreativen, die immer wieder eingestreut werden, für mich sehr ansprechend waren. Trotzdem muss ich auch sagen, dass es mir an einigen Stellen zu langatmig war. Ich hatte mir vor allem praktische Impulse erhofft, um selbst wieder kreativ zu werden. Das blieb zu Beginn aus, im Verlauf änderte sich das. Ich habe mich manchmal ungeduldig beim Lesen gefühlt, auch da gewisse Themen an mehreren Stellen im Buch aufgegriffen werden. Dieser Eindruck ist eventuell aber daher entstanden, da mir viele Themen aus dem Buch schon bekannt waren. Vielleicht erschien es mir daher gedoppelt. Jemand, der sich zum ersten Mal mit dem Thema Kreativität beschäftigt, braucht diese Wiederholungen eventuell, um diese Punkte noch einmal klar vor Augen zu haben.

Wiebke: Du bist also schon Fortgeschrittene und das Buch ist eher für Anfänger:innen gedacht?

Stephanie: So habe ich das jedenfalls empfunden.

Darum geht’s in aller Kürze

Wiebke: Dann lass uns das Buch jeweils einmal kurz und knackig zusammenfassen, damit wir auf einem gemeinsamen Stand sind.

Stephanie: Ich habe mir Folgendes notiert:

„In dem Buch versucht die Autorin meines Erachtens, mithilfe persönlicher und fremder Anekdoten die Lesenden dazu zu ermutigen, die eigene Kreativität auszuleben. Konkret veranschaulicht sie u. a., dass Kreativität nicht bedeutet, hochbegabt oder ein Genie sein zu müssen, und mit welchen Hindernissen oder Hemmnissen viele Menschen konfrontiert sind, wenn sie kreativ sein wollen. Auch gibt sie, oft auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen, Tipps oder Empfehlungen, wie sich Alltag und kreatives Schaffen vereinbaren lassen. Im sechsten von insgesamt sieben Kapiteln richtet sie sich an Menschen, die vorhaben, ihr kreatives Hobby – so wie sie – zum Beruf zu machen.“

Wiebke: Schön zusammenfasst. Ich habe das diesmal nicht so elaboriert vorbereitet. Aber ein Kontrast ist immer gut.

„Melanie Raabe lädt mit ihrem Buch alle ein, sich auf die eigene Kreativität zu besinnen. Sie klärt auf, in welchen Facetten uns Kreativität im Alltag begegnet und plädiert dafür, sie als Kraft zu begreifen und ihr im Leben mehr Raum zu geben.“

Stephanie: Mir ist mit Hilfe deiner Formulierung der Titel des Buchs jetzt einleuchtend. Denn das ist ein Punkt, über den ich mir sehr viele Gedanken gemacht habe. Ich hatte den Eindruck, dass der Untertitel gar nicht so gut passt, weil ich gar nicht erfahren hatte, wie Kreativität uns mutiger, glücklicher oder stärker macht. Ich hatte es eher als Hypothese gelesen und wir schauen im Verlauf des Buchs, wie wir Kreativität konkret umsetzen. Aber so wie du es zusammengefasst hast, kommt die Essenz, die zwischen den Zeilen mitschwingt, stärker heraus. Wir werden nicht wegen der Kreativität mutiger sein, sondern wir sollen mutiger sein, um kreativ zu werden. Mut haben, unsere Kreativität zu leben.

Wiebke: Oder es fordert dazu auf, im Alltag den Fokus stärker darauf zu legen, wo wir Kreativität bereits zelebrieren und uns darüber gar nicht bewusst sind. Das ist interessant, dann lassen sich in den Zusammenfassungen unsere unterschiedlichen Erwartungshaltungen an das Buch herauslesen. Aber wenn wir schon bei Kreativität im Alltag sind, bringt mich das zu meiner nächsten Frage: Wann warst du heute kreativ?

Kreativität im Alltag

Stephanie: Lass mich mal überlegen. Ich glaube, ich war nämlich heute kreativ – oder doch nicht? Oder war das gestern? Ein Nebeneffekt vom ständigen Zuhausesein ist, dass ich kein Zeitgefühl mehr habe, es verschwimmt alles. Ich habe heute Tagebuch geschrieben und vorgestern habe ich ein eigenes Muffin-Rezept kreiert. Vor kurzem habe ich an einer Zeichnung gearbeitet. Aber ansonsten war ich aktuell nicht sehr kreativ.

Wiebke: Hattest du heute vielleicht einen kreativen Gedanken? Manchmal wandern die Gedanken und wir sehen Bekanntes in neuem Licht, das ist nirgendwo dokumentiert oder sichtbar.

Stephanie: Also es ist tatsächlich so, dass im Alltag manchmal Ideen aufkommen, dann denke ich: „Dazu könnte ich eine Geschichte oder ein Foto machen“. Aber nein, das hatte ich heute nicht.

Wiebke: Ich muss diese Frage heute leider auch verneinen. Vielleicht habe ich in Social Media einen Beitrag originell kommentiert. Aber es gibt andere Tage, an denen ich Interessanteres berichten könnte. Aber das finde ich für dieses Gespräch auch nicht problematisch, denn es zeigt, dass Routinen und zu viele Verpflichtungen Kreativität abtöten können. Jedenfalls ist das bei mir so. In den letzten Jahren hatte ich ständig Stress und Verpflichtungen. Meine Kreativität kommt jetzt erst zurück. Ich versuche dieser Fähigkeit wieder bewusst Raum zu geben. Ich fühle mich an Tagen zufriedener, an denen ich kreative Gedanken hatte oder etwas Nettes ohne Sinn und Zweck getan habe. Aber ich kann leider nicht sagen, dass ich das täglich erlebe. Das geht zwischen all der Disziplin, den To-do-Listen und dem Ringen um Struktur unter. Das ist traurig, denn Kreativität ist eigentlich ein Problemlöser. Wenn ich also stoisch Dinge abarbeite, stehe ich mir eigentlich selbst im Wege. Ich denke, ich sollte öfter üben, von Situationen mental zurückzutreten. Denn Distanz ermöglicht einen anderen Blick auf Dinge. Da habe ich schon Fortschritte gemacht, aber es gibt noch Potential. Ein Tag ohne Kreativität ist ein grauer Tag.

Ich war für einen begrenzten Zeitraum von Verpflichtungen befreit. Das war eine Zeit und eine Aktivität ganz ohne Druck.

Stephanie über Voraussetzungen für Kreativität

Stephanie: Das Gefühl kenne ich auch. Ich komme aus der Übung, umso mehr ich in die Mühlen des Alltags gerate. Die letzte kreative Phase, in der ich ganz im Prozess aufging, hatte ich zwischen meinem letzten und dem neuen Job. Ich bin morgens aufgestanden, um zu malen. Gar nicht für ein Ergebnis, sondern aus Freude, um eine neue Technik auszuprobieren. Das war einfach schön. Ich war für einen begrenzten Zeitraum von Verpflichtungen befreit. Das war eine Zeit und eine Aktivität ganz ohne Druck. Diese Erfahrung hatte ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht und sie kam nur zustande, weil die Routine aufgebrochen war. Ich wusste, dass der Zeitraum begrenzt ist, danach würde etwas Neues beginnen, auf das ich mich freute. Ich konnte mich in diese „Zwischenzeit“ hineinfallen lassen. Wenn ich hingegen lange Phasen ohne Struktur erlebe, so wie z. B. jetzt gerade, wenn wir alle zu Hause sind, hemmt das meine Kreativität. Ich habe eigentlich Zeit und bin vermeintlich frei, aber wiederum auch nicht. Denn die Sachen, die mir am Herzen liegen, kann ich nicht umsetzen. Es gibt also einerseits Routinen von Arbeit und Alltag, die einschränken und Kreativität stören; aber andererseits auch Phasen, in denen es keine Struktur gibt, die sehr viel Disziplin erfordern, die ebenfalls unkreativ machen.

Was ist eigentlich Kreativität?

Wiebke: Ich kann das auch bestätigen. Zeitverknappung macht produktiv – also kreativ produktiv. Mit Produktivität ist für mich jedoch meist der Begriff Effizienz verbunden und mit diesem Gedanken habe ich so meine Probleme. Ich habe diesen Anspruch selbst ganz oft und ich bemerke ihn auch bei anderen. Inzwischen scheint es fast eine eigene Tugend zu sein: Den Tag möglichst effektiv nutzen. Aufgaben in eine ideale Reihenfolge zu bringen, damit alles wie ein Puzzle ineinandergreift. Aber darin gibt es keine Pausen – jedenfalls bei mir. So wie du es gerade beschrieben hast. Es braucht einen Raum mit Struktur und dann einen Freiraum, in dem wir uns fallen lassen können. Ohne Pausen gibt es keinen Raum für Kreativität. Mein Effizienz-Anspruch frisst diese Pausen machmal auf, damit sabotiere ich mich im Grunde selbst. Kreativität ist menschlich. Wir sind alle kreativ – auch wenn wir uns manchmal darüber nicht bewusst sind. Das ist vielleicht sogar die Kernaussage des Buchs. Mir hat das Buch bewusst gemacht, dass Kreativität mein Antrieb ist. Sie ist der gemeinsame Nenner meiner Entscheidungen, für die vielfältigen Erfahrungen, die ich gesammelt habe. Das habe ich vorher nicht erkannt. Das liegt an der offenen und weiten Definition von Kreativität, die Melanie Raabe im Buch anbietet. Es gibt vielfältige Formen, in denen sich Kreativität äußert. In diversen Ausdrucksformen und den großen und kleinen Dingen. Daher ist mir das Buch wichtig. Ich habe darin keine handfesten Tipps gesucht, sondern wollte mir selbst wieder Lust darauf machen, offener zu sein. Ich wollte meinen Blick verändern und das hat funktioniert.

Stephanie: Das habe ich auch so wahrgenommen. Dieser Gedanke, dass in kleinen Dingen des Alltags Kreativität steckt, war sehr ermutigend. Mir wird gerade bewusst, dass meine Definition von Kreativität bisher immer bedeutete, dass ein künstlerischer Wert dahinterstehen muss. Das hat mich oft gehemmt. Daher hat mir das Buch eine wichtige Erkenntnis ermöglicht. Für mich hat Kreativität bedeutet, ein Kunstwerk zu erschaffen. Es hieß, dass ich darin gut sein und das Werk vor anderen bestehen müsste. Bewertung spielte dabei eine wichtige Rolle. Die Autorin betrachtet Kreativität jedoch ganzheitlich. Sie legt anschaulich dar, dass es im Grunde um Spaß und den Prozess geht. Es geht darum, den eigenen Leidenschaften nachzugehen, die Kraft geben. Sie beschreibt, dass viele kreative Taten dazu führen, dass man weiterdenken kann. Denn wenn ich beginne, den Blick zu öffnen, fallen mir häufiger andere Dinge auf als zuvor. Mir kamen früher viele kreative Gedanken beim Zugfahren, einfach wenn ich aus dem Fenster sah – Bilder oder Geschichten, die niemals aufgeschrieben wurden. Beispielsweise in Büschen, die am Rand stehen und sich im Wind wiegen, winkende Hände zu sehen. Das sind Gedanken, die mich zum Schmunzeln bringen. Wenn ich daran denke, wie viel Kraft mir diese Fantasie damals gegeben hat… Das ist jedoch etwas, dass mir im Laufe der Zeit abhandengekommen ist. Wenn ich heute Zug fahre, schlafe ich oder schaue aufs Handy oder höre Musik und wenn ich Glück habe, spinne ich mir daraus etwas zusammen.

Wenn es dir wichtig ist, bleib dran!

Wiebke: Neben all den motivierenden Impulsen und neuen Erkenntnissen, gab es für mich einen wehmütigen Moment bei der Lektüre. Du hast vorhin gesagt, dass du den Eindruck hattest, dass sich das Buch eventuell an Anfänger:innen richtet, die sich voller Tatendrang in das Thema stürzen. Wir beide haben uns auf dem kreativen Weg schon Blessuren geholt. Wir haben zwar persönliche Erfolgsgeschichten gesammelt, aber wir sind auch schon einige Jahre versumpft.

Stephanie: Versumpft ist ein guter Ausdruck dafür.

Wiebke: Mir ist bei der Lektüre bewusst geworden, wie viel Zeit ich verloren habe, indem ich gezweifelt habe und diesen hemmenden Wertebegriff hatte. Ich dachte, so wie du es auch geschildert hast, dass Kreativität vor allem das Ergebnis ist und der Weg dahin nicht zählt. Ich habe das nicht als Ganzes gesehen. Besser gesagt, für andere konnte ich das durchaus gelten lassen, jedoch nicht für mich. Ich habe meine Entwicklung in diesem Bereich nicht gesehen, sondern nur als unstet wahrgenommen.  Dabei ist mir eine Geschichte eingefallen, die erklärt, warum es so wichtig ist, etwas zu tun und daran festzuhalten, wenn man es gerne macht – unabhängig davon, ob es ein Beruf ist oder ob überhaupt irgendjemand zuschaut.

Vor ein paar Jahren besuchte ich eine Freundin in Straßburg. Sie wohnte dort in einer alten Villa, die einer Dame gehörte. Die Dame lebte selbst in einer Seniorenresidenz und ihr Haus vermietete sie an Studierende. Es war wie aus dem Bilderbuch. Ein abgerocktes Gebäude mit knarzender Holztreppe. Der Flur war vollgehängt mit alten Ausstellungsplakaten aus den 80er Jahren, in den Wohnungen Reise-Souvenirs und Spuren eines Lebens. Alles erzählte die Geschichte einer Familie, die dort einmal gelebt hat. Ich habe die Dame niemals kennengelernt, aber sie war omnipräsent. Mit ihr verband ich eine Gastfreundlichkeit und Weltoffenheit, das allein war beeindruckend. Diese Dame hat ihr Leben lang gemalt und gezeichnet und die Bilder waren im ganzen Haus verteilt. Es gab kein Zimmer, in dem nicht mindestens ein gerahmtes Bild von ihr hing. Sie waren alle signiert und datiert. An Motiven, Themen, Stilen und Materialien war zu erkennen, was sie über die Jahrzehnte beschäftigte. An den Bildern ließ sich ihre Entwicklung ablesen. Sie hat nur für sich gemalt und die Bilder nur für sich aufgehängt. Ziel war weder ein Verkauf noch ein Publikum aus Studierenden. Es stecken viele Themen in dieser Geschichte. Die Dame hat in ihrem eigenen Haus kuratiert. Sie hat bestimmten Bildern durch die Rahmung Bedeutung verliehen, überlegt, welche Bilder sie täglich vor Augen haben mag, was in ihrem Schlafzimmer hängen soll, welche Bilder sie ins Gästezimmer hängt oder im Flur zu sehen sind, wenn der Postbote klingelt. Es ging um Selbstvergewisserung und Identität. Diese Geschichte hat mir vor Augen geführt, was Konstanz bedeuten kann. Einfach dranbleiben ist das Credo. Denn am Ende des Lebens können wir auf etwas Besonderes zurückblicken. Im Rückblick ergeben sich wieder andere Perspektiven. Das möchte ich auch einmal erleben. Es ist so wertvoll, eine persönliche kreative Ausdrucksform zu finden und daran festzuhalten – unabhängig von Bewertungen anderer.

Stephanie: Das ist schön. Solche Geschichten, werden im Buch auch immer mal wieder aufgegriffen. Deine Erzählung passt dazu.

Mir gefiel ihre bodenständige Art, dass sie eben nicht den Eindruck vermittelt, nur besonders innovative Ideen hätten eine Daseinsberechtigung

Stephanie über die symphatische Autorin

Wiebke: Was hat dich persönlich an dem Buch angesprochen?

Stephanie: Vieles haben wir schon erwähnt. Persönlich angesprochen hat mich auch die sympathische Autorin. Mir gefiel ihre bodenständige Art, dass sie eben nicht den Eindruck vermittelt, nur besonders innovative Ideen hätten eine Daseinsberechtigung oder als wisse sie als erfolgreiche Autorin ganz genau, wie der Hase läuft. Denn sie schildert gelegentlich persönliche Hürden, die sie auf ihrem Weg meistern musste. Dadurch konnte ich mich an einigen Stellen sehr gut mit ihr identifizieren – und manchmal fühlte ich mich sogar etwas durchschaut. Sowohl die immer wieder eingestreuten Empfehlungen (für Websites, Podcasts und Apps) als auch die Geschichten aus dem Leben berühmter Menschen finde ich unterhaltsam. Das Buch hat mir vor Augen geführt, dass ich die Alltagskreativität wieder mehr in meinem Leben haben möchte.

Das hätten wir gerne früher gewusst

Wiebke: Im Vorhinein habe ich dich gefragt: „Wenn du eine Postkarte an dein jüngeres Ich schreiben würdest. Welche drei Tipps oder kleinen Geschichten würdest du aufschreiben?“

Stephanie: Es ist eher ein Brief als eine Postkarte geworden. Ich habe mir einige Stellen aus dem Buch herausgesucht, die mir wichtig sind und mein jüngeres Ich bestimmt angesprochen hätten:

Du musst keine offiziell anerkannte Künstlerin werden und es macht trotzdem Sinn, dir Zeit zu nehmen, um kreativ zu sein. Denn dies lässt dich aufblühen und gibt dir Kraft und Motivation für die alltäglichen Herausforderungen.

Vgl. „Kreativität“, S. 39.

„Zu hohe Erwartungen töten Kreativität.“ Erwarte keinen Lohn oder Anerkennung für das, was du machst, denke also nicht an die Reaktionen auf das Ergebnis, sondern genieße den Prozess. Dich bewegt und beschäftigt etwas, das möchtest du kreativ verarbeiten. Tu es und denke nicht darüber nach, was andere dazu sagen könnten oder damit anfangen würden.

Vgl. „Kreativität“, S. 205.

Wenn du deine Produkte zeigst oder teilst, merke dir: Kritik sagt in erster Linie nichts über dich und dein Werk aus, aber eine Menge über die Person, von der sie kam . Es dauert lange, es braucht Durchhaltevermögen und es macht doch Spaß und Freude, eine Sandburg zu bauen. Sie zu zerstören dauert eine Sekunde und erfordert nichts außer Zerstörungswillen. Hab‘ also keine Angst vor der Meinung anderer, schäme dich nicht für das, was du tust. Denn du machst es mit Leidenschaft, du investierst viel Zeit und Gedanken und es erfüllt dich, auch wenn das Produkt nicht perfekt oder ein Meisterwerk ist.

Vgl. „Kreativität“, S. 210-212.

Dieses Bild von dem Kind war für mich anschaulich. Es hat mühevoll seine Sandburg aufbaut und dann kommt jemand und tritt rein. Das hat mich sehr berührt und ich glaube, das wäre schon meinem früheren Ich so gegangen.

Wiebke: Vor allem helfen Bilder sehr dabei, Dinge zu verinnerlichen. Sie können leicht mit dem Gefühl verknüpft werden. Die ausgewählten Passagen aus dem Buch greifen auf, was wir vorher schon lose besprochen hatten. Schön, damit haben unsere Leser:innen gleich die passenden Textstellen parat.

Stephanie: Was würdest du denn deinem jüngeren Ich mitteilen?

Wiebke: Nachdem ich das Buch fertiggelesen hatte, schrieb ich aus dem Zusammenhang diese Postkarte:
„Fang einfach an. Kultiviere deinen besonderen Blick auf die Welt. Auch wenn dich einige Menschen dafür vielleicht seltsam finden könnten. Kreativität ist dein persönlicher Schatz. Menschen, die dich lieben, lieben dich für diese besondere Art. Wenn du dir treu bleibst, wirst du auch andere Menschen dazu inspirieren. Kultiviere die großen und kleinen kreativen Gedanken – auch die originellen Antworten und die kleinen Gesten. Und hab‘ immer ein Notizbuch dabei!“

Stephanie: Das sind Tipps, die ich nicht nur für mein jüngeres Ich, sondern auch für jetzt gerne festhalten würde. Einfach, um mich immer mal wieder daran zu erinnern.


Wir haben diese Ausgabe gelesen:
Melanie Raabe: Kreativität. Wie sie uns mutiger und stärker macht, btb, München 2020, [ISBN: 978-3-442-75892-0, Hardcover, 325 Seiten.]

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Vorschau: „Kreativität“ von Melanie Raabe

Vorschau nächste Buchbesprechung

Das erste Buchgespräch in 2021

Was kommt hier als Nächstes? Als erstes Buch im neuen Jahr besprechen Stephanie und ich das neuerschienene Sachbuch der Krimiautorin Melanie Raabe. Es geht um Kreativität. Da die Freundschaft von Stephanie und mir mit einem Schreib-Projekt begann, ist es das perfekte Buch, um es mit ihr für diesen Blog zu lesen.

Kennt ihr das, wenn ihr Bücher in kleinen Häppchen lest, damit ihr den Lesegenuss etwas in die Länge zieht? Was mir bei Schokolade einfach nicht gelingen will, klappt bei richtig guten Büchern ganz gut – ein Genuss in Maßen ist möglich. Zugegeben es ist leichter, wenn mich parallel noch andere Bücher beschäftigen. Das Buch von Melanie Raabe ist so ein Fall. Ich freue mich immer auf die Lektüre und wünschte, es wäre noch etwas dicker. Dieses Buch nun zusammen mit Steffi zu lesen, ist ein schöner Ausblick für 2021. Denn Gespräche über gute Bücher verdoppeln ohnehin die Freude des Lesens. Hier geht’s zum fertigen Buchgespräch.

Melanie Raabe: Kreativität. Wie sie uns mutiger und stärker macht, btb, München 2020, [ISBN: 978-3-442-75892-0, Hardcover, 325 Seiten, 20 Euro.]

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