Kategorie: Solo-Lektüre

Nicole Seifert: Frauenliteratur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt [Rezension]

Sachbuch Frauenliteratur von Nicole Seifert

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Das war dieses Jahr ein guter Grund zur Feier des Tages dieses Buch zu lesen: „Frauenliteratur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ von Nicole Seifert. Ein kluges und feministisches Buch. Ich empfehle es allen Menschen, die gerne lesen. Es ist Augen öffnend!

Das Sachbuch der promovierten Literaturwissenschaftlerin und Bloggerin Nicole Seifert ist zurecht schon viel gelobt und besprochen worden. Die literarische Übersetzerin und ehemalige Lektorin analysiert jeden Winkel des Literaturbetriebs. Das macht große Freude.

Was soll Frauenliteratur eigentlich sein? Literatur von Frauen? Literatur für Frauen? Literatur von Frauen für Frauen? Das alles? Soll es ein Genre sein? Und ist es möglich die Vielfalt weiblicher Stimmen, Lebenswelten und Perspektiven mit einem Wort zu generalisieren? Selbstverständlich nicht!

Nicole Seifert entlarvt in ihrem Sachbuch misogyne Haltungen und Strukturen im Literaturbetrieb und zeigt, dass sich das System erst entwickelt, wenn sich an vielen Teilen des Ganzen etwas ändert und alles in Bewegung kommt. Von den Verlagsprogrammen über die Literaturkritik, Preisverleihungen und Literatur-Förderung genauso wie der Einkauf im Buchhandel bis zur Lektürewahl der Leser:innen – hier gilt es überall Gleichberechtigung zu leben. Seifert zeigt auf, dass dies leider noch nicht der Fall ist. Wir haben noch einiges vor uns.

Zu Beginn führt die Autorin mit ihrer persönlichen Geschichte als Leserin ein, die wie für die Aufgabe der Kanon-Revision geschaffen ist. Sie erzählt, wie sich ihr eigenes Leseverhalten langsam änderte. Vom Vater übernahm sie die Gewohnheit eine Lektüreliste zu führen. Um Klassiker von Männern zu lesen, konnte sie sich jederzeit am Bücherregal ihres Vaters bedienen. Um aber auch weibliche Stimmen zu lesen, musste sie sich die Bücher von Autorinnen selbst kaufen. Denn im Regal des Vaters dominierte die männliche Perspektive auf die Welt. Als sie nach ihrem Literatur-Studium ihr eigenes Leseverhalten reflektierte, fiel ihr auf, dass ebenfalls unverhältnismäßig wenig Autor:innen auf den Lektürelisten der Seminare standen. Das brachte alles ins Rollen. Seitdem engagiert sie sich für einen diversen Literaturbetrieb, so lancierte den Hashtag #frauenzählen, publiziert zum Thema, führt das Blog nachtundtag.blog, für das sie Bücher von Frauen bespricht.

Viele Fragen, kompetente Antworten

Warum ist der Kanon bis heute männlich dominiert? Wie kann er weiterentwickelt werden? Wie drückt sich bis heute Misogynie in der Literaturkritik aus? Warum werden bis heute mehr Bücher von Autoren verkauft? Wie kann der Literaturbetrieb diverser werden? Welche strukturellen Bedingungen müssen sich ändern, um Autor:innen in der Literatur mehr Sichtbarkeit zu ermöglichen? Welche Themen und Motive greifen Frauen in ihren Werken auf? Wo kann ich als Leser:in anfangen? Welche Autor:innen sollte ich lesen?

Neugierig geworden? Seifert wirft viele Fragen auf und beantwortet sie in ihrem Sachbuch versiert. Ihre Analyse liest sich eingängig und ist bei aller Professionalität auch für Nicht-Germanist:innen eine unterhaltsame Lektüre. Das Buch hat mich inspiriert als Leserin all die Lektüren und Perspektiven nachzuholen. Schön, dass ein vermeintlich literaturwissenschaftliches Thema ein breites Publikum gefunden hat. Das braucht es, um etwas zu verändern.

Danke an den KiWi-Verlag und netgalley.de für das digitale Rezensions-Exemplar. Das Buch werde ich mir für mein Bücherregal kaufen, um darin nachzuschlagen, es weiterzuempfehlen und vor allem es häufig zu verleihen.


Infos zum Buch

  • Titel: Frauenliteratur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt
  • Autorin: Nicole Seifert
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erscheinungsjahr: 2021
  • 224 Seiten
  • Gebundene Ausgabe: 28 Euro
  • ISBN: 978-3-462-00236-2

Nicole Seifert war beim Podcast „Hentschel liest“ zu Gast. Dieses Interview kann ich sehr empfehlen. Hört mal in Folge 19 rein.

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Rezension: Die Kinderbuchbrücke von Jella Lepman

Pinocchio, Pipi Langstrumpf, Nils Holgerson, Alice im Wunderland oder der kleine Prinz – viele Geschichten unserer Kindheit verdanken wir zum großen Teil dieser beeindruckenden Frau: Jella Lepman. Durch ihre Arbeit prägte sie ab 1945 bedeutend das kulturelle Gedächtnis in Deutschland. Welche Geschichten sollten Kindern nun vorgelesen werden? In einem Land, indem zuvor Bücher verbrannt wurden?


Die Kraft der Literatur

In „Die Kinderbuchbrücke“ beschreibt Jella Lepman rückblickend ihre kulturelle Arbeit im kriegszerstörten Deutschland. Das Buch erschien bereits 1969 zum ersten Mal. Im Jahr 2020 veröffentlichte der Kunstmann-Verlag eine kommentierte Neuauflage, die ich allen sehr ans Herz lege.

Jella Lepman kehrte 1945 nach Deutschland ins Land der Täter:innen zurück, um Humanismus und kulturelle Bildung in einem kriegszerstörten Land zu vermitteln. Den Faschismus aus den Köpfen bekommen… Wie sollte das funktionieren?

Lepman entschied sich dafür mit den Kindern zu beginnen und auf die Zukunft zu setzen: Literatur sollte helfen. Kein leichtes Unterfangen in einem Europa, das von Trauma und Hunger, Obdachlosigkeit und Armut geprägt war. In Deutschland mangelte es an allem – auch an Papier. Literatur für die Kleinsten schien für viele ein unbedeutender Luxus zu sein. Doch Lepman hielt daran fest. Gerade in dieser Situation brauche es Kultur, so Lepmans feste Überzeugung. Sie organisierte Literatur-Ausstellungen und Leseanlässe für Kinder. Sie sammelte internationale Kinderbücher, um Kindern und Jugendlichen in Deutschland mit der Internationalen Jugendbibliothek in München einen friedlichen Ort für ihre Kindheit und kulturellen Austausch zu schaffen. 

Jella Lepman: Eine Frau mit Vision

Führe ich mir nun die persönliche Geschichte von Jella Lepman vor Augen, bin ich tief beeindruckt von ihrer menschlichen Größe. Denn Lepman floh in den 1930ern vor den Nationalsozialisten aus ihrer Heimat Deutschland. Sie verlor Familienangehörige und Freund:innen durch den Holocaust und doch kam die Journalistin und Kinderbuchautorin bereits 1945 als Offizierin der US-Army mit einem kulturellen Auftrag zurück ins Land der Täter:innen.

Für „Die Kinderbuchbrücke“ schrieb sie ihre Erinnerungen auf. Es sind Augenzeugen-Berichte aus dem Nachkriegsdeutschland. Mit ihrem Jeep fuhr sie durch zerstörte Städte und Landschaften und eruierte, was nötig und möglich war. Was sie im Gepäck hatte, war der Glaube an ihr Projekt und Interesse für Menschen. Dies half ein gutes Netzwerk auszubauen. Noch nie habe ich so detaillierte und lebendige Berichte aus der unmittelbaren Nachkiegszeit gelesen. Ich war erschüttert und habe aus der Lektüre viel gelernt.

Neuauflage: Eine runde Sache

In ihrem Vorwort ordnet Christiane Raabe den Text kritisch für die heutigen Leser:innen ein. Denn Raabe würdigt darin Lepmans Leistungen und schildert ihre Kriegserfahrungen. Sie weist aber auch daraufhin, dass Lepman gelegentlich rassistische Formulierungen in ihrem Text wählt, und dass obwohl sie immer für Menschenrechte, Demokratie, internationale Beziehungen und Humanismus eintrat. Ich denke, an diesem Zeitzeugnis ist erkennbar, wie tief Rassismus in unserer Sprache und damit auch im Denken verankert ist. Es zeigt, wie wichtig der Diskurs auf allen Seiten ist, um als Gesellschaft immer wieder alte Denkmuster zu hinterfragen und neue Worte für unsere Werte zu finden. Damit wir alle die Chance haben zu vermitteln, was uns auf dem Herzen liegt.

Als Leserin möchte ich zum Schluss mehr über diese bemerkenswerte Frau erfahren. Denn in ihren persönlichen Aufzeichnungen nimmt sich Jella Lepman selbst zurück. Am Ende rundet ein biografischer Teil die Lektüre ab. Anna Becchi berichtet darin, wie vielfältig und abenteuerlich das Leben von Jella Lepman verlief.

Auch die Anmerkungen der Herausgeber sind bereichernd. Sie erweitern den Text und schaffen Zusammenhänge. Sie füllten so mache meiner Wissenslücken. Ich lernte viel über den internationalen Kulturbetrieb der 1940er Jahre und erfuhr wie vielfältig Kulturschaffende die Kriegsjahre erlebten. In all der Not las ich viel Hoffnung und den Glauben an eine bessere Zukunft heraus.

Fazit

Wenn ihr darüber lesen möchtet,

  • …welche Kraft Literatur hat.
  • …dass es wichtig ist, für die eigenen Werte einzustehen.
  • …dass das Wirken einer Person einen Unterschied macht.

Dann lest dieses Buch!


Infos zum Buch

  • Titel: Die Kinderbuchbrücke
  • Autor: Jella Lepman
  • Herausgeber: Internationale Jugendbibliothek unter Mitarbeit von Anna Becchi
  • Verlag: Antje Kunstmann
  • kom. Neuauflage: 2020 (engl. Originalausgabe 1969)
  • 303 Seiten
  • Gebundende Ausgabe: 25 Euro
  • ISBN: 978-3-95614-392-2
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Rezension: Metropol von Eugen Ruge

Buchcover Roman Metropol von Eugen Ruge

Metropol von Eugen Ruge – was für ein Buch! Von der Geschichte bin ich erschüttert und beeindruckt von dieser schriftstellerischen Leistung. 

Ruge verarbeitet die Geschichte seiner Großmutter literarisch. Die Handlung spielt 1936-1937 in stalinistischen Moskau. Terror versetzt die Bevölkerung in Schrecken. Täglich gibt es Verhaftungen, Todesurteile und zahllose Menschen werden in die Gulags (Arbeitslager) verdammt. Es kann jede:n treffen – für eine Verurteilung braucht es keinen Grund. Neben diesem Terror ist die propagandistische Fassade immer präsent: rasanter technologischer Fortschritt, der Bau der Metro, Häuser, die versetzt werden und der erste Mensch im Weltraum. Doch im Alltag überall Mangel und Armut. 

Charlotte wird mit ihrem Mann vom sowjetischen Geheimdienst suspendiert und im Hotel Metropol einquartiert. Dort harren sie aus. Immer das Gefängnis vor Augen. Wird es für sie gut ausgehen? Eine erschütternde Geschichte basierend auf historischen Quellen. Ruge gelingt es Daten und ihm bekannte historische Fragmente zu einer psychologisch authentischen Erzählung zu verweben.

Wir verfolgen die Geschichte aus der Perspektive von drei Protagonist:innen: Charlotte, Hilde, Ulrich. Wir begleiten sie und erfahren alles aus ihrer Sicht in Rückblenden und zeitlich versetzt. Alle drei Zweifeln trotz allem nicht am Sozialismus und vertrauen Stalin. Ihre persönlichen Wahrheiten passen sich an die Entwicklungen an.

Einfach wow! Nun steht auch die Famliensaga „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge auf meiner Leseliste.


Infos zum Buch

Ich habe diese Ausgabe gelesen:

  • Titel: Metropol
  • Autor: Eugen Ruge
  • Verlag: Rowohlt
  • 429 Seiten
  • 4. Auflage: 2019
  • Gebundene Ausgabe: 24 Euro
  • ISBN: 978-3498001230

2021 als Taschenbuch erschienen:

  • Taschenbuch-Ausgabe: 14 Euro
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch
  • ISBN: ‎978-3499000973
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Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe [Rezension]

„Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ von Elif Shafak hat mir eine Freundin empfohlen. Wir haben es nun gemeinsam gelesen.

Ella hat sich im Alltag mit Familie verloren und nimmt einen neuen Job als Literaturgutachterin an. Wie sollte es anders kommen – der erste Auftrag stellt ihr Leben auf den Kopf. Sie widmet sich einem Roman, der die spirituelle Beziehung des Wanderderwischs Schams und des Sufi-Dichters Rumi thematisiert und dabei 40 Geheimnisse der Liebe teilt. Während dieser Arbeit verliebt sie sich in Aziz, den Autor des Romans.

Ella liebt Aziz. Schams liebt Rumi. Und andersherum – das ist hier Programm. Damit meine ich diese Verbindungen zwischen Figuren, auch über Jahrhunderte hinweg. Dieses Wechselspiel zieht sich durch den ganzen Roman.

Es beginnt schon auf der formalen Ebene, da es einen Roman im Roman gibt und es geht so weit, dass dem fiktiven Autor Aziz Ähnlichkeit mit der historischen Person Schams-e Tabrizi zugesprochen wird. Dieser Beziehung verleiht der Autor durch eine literarische Figur in seinem Werk Ausdruck. Bezüge, wo man hinschaut.

Zu Beginn ist es mir recht schwergefallen, mich auf die Geschichte einzulassen. Der Charakter der Protagonistin Ella war mir zunächst unsympathisch und voller Klischees. Ich hatte den Eindruck, dass das Buch nichts für mich ist. Das hat sich aber im Verlauf der Lektüre geändert, da sich Ella weiterentwickelte und die Figur damit an Komplexität gewann und zugänglicher wurde. Besonders das Ende hat mich berührt.

Auch der Austausch mit der Freundin war wichtig, um noch eine andere Perspektive auf die Geschichte zu bekommen. Das Buch werde ich nun an die nächste Leserin weitergeben.

„Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ ist das erste Buch, das ich von Elif Shafak gelesen habe. Ich ahne, dass ich noch weitere Bücher von ihr lesen muss. Denn mich interessiert nun der Zusammenhang dieses Romans zum Gesamtwerk. Daher habe ich nun als literarische Klammer „Der Bastard von Istanbul“ und „Schau mich an“ auf meine Leseliste gesetzt.

Infos zum Buch

  • Titel: Die vierzig Geheimnisse der Liebe
  • Autorin: Elif Shafak
  • 512 Seiten
  • Verlag: Kein & Aber
  • Taschenbuch: 15 Euro
  • ISBN: 978-3-036-95912-2
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Papierklavier von Elisabeth Steinkellner [Rezension]

Gerade habe ich dieses Buch gesnackt: „Papierklavier“ von Elisabeth Steinkellner. Ein Jugendbuch, das schon einige Preise abräumte. Einen Preis jedoch nicht. Das ist eine unverständliche Geschichte, die dem Buch immerhin mehr Bekanntheit verschaffte. Dazu gleich mehr.

Falls ihr Teenager beschenken möchtet, ist dieses Buch perfekt. Eine positive (aber nicht geschönte) Coming-of-Age-Geschichte in der Form eines fiktionalen Tagebuchs. Wunderschön illustriert von Anna Gusella.

Inhalt

Maia ist 16 und hat’s nicht leicht: sie lebt mit ihren beiden kleinen Schwestern und ihrer alleinerziehenden Mutter in einer Zwei-Zimmerwohnung. Gerade trauern sie um ihre geliebte Zieh-Oma.

Maias Mama ist immer sehr müde. Denn sie arbeitet viel, um über die Runden zu kommen. Auch Maia jobbt nach der Arbeit in einem Saftladen, um ihrer Familie zu helfen und sich selbst manchmal eine Kleinigkeit zu gönnen. Das ist aber nur selten der Fall, denn nun schiebt sie sogar extra Schichten, um ihrer talentierten Schwester Klavierunterricht zu ermöglichen. Trotz großer Herausforderungen hat sie eine liebevolle Familie. Maia wünscht sich nur, dass ihre Mutter weniger arbeiten müsste und mehr Zeit für die Familie hätte. Zeit haben Maias beste Freund:innen Alex und Carla, auf die sie sich verlassen kann. Zusammen geht’s auf Partys, lachen, lieben, das Leben feiern.

Maia vertraut sich ihrem Tagebuch an. Sie schreibt und zeichnet über schöne und traurige Erlebnisse, ihre Zweifel und klugen Alltags-Analysen. Wir lesen also ein illustriertes Tagebuch und verfolgen die Geschichte in der Ich-Perspektive.

Maia ist eine liebenswerte und selbstbewusste Romanheldin. Sie ist eine gute Freundin, eine fürsorgliche Schwester und eine verantwortungsbewusste Tochter – und sie kann richtig gut zeichnen. Sie hat dennoch ihre Selbstzweifel und kämpft manchmal mit den Kilos. Im eigenen Körper fühlt sie sich noch etwas unwohl und fremd – dieses Gefühl eines Teenagers ist sicherlich ein zeitloses Thema und unabhängig von Maßen und Normen. Maia entdeckt ihre Talente und Stärken. Sie ist kreativ und witzig – darauf ist sie stolz. Im Laufe der Zeit wächst in ihr der Wunsch Grafikerin zu werden. Und vielleicht verliebt sie sich zum ersten Mal.

Im Alltag begegnet Maia vielen Vorurteilen. Sei es selbst als übergewichtige Frau oder aufgrund von Armut. Ihre Familie wird stigmatisiert, denn Mitmenschen verurteilen ihre alleinerziehende Mutter, da jede Tochter einen anderen Vater hat. Niemand fragt, nach der Geschichte der Familie. Ihre transsexuelle Freundin Carla erlebt häufg Diskriminierung. Doch sie alle lassen sich nicht unterkriegen und holen sich selbstbewusst, was sie sich vom Leben wünschen.

Illustrationen

Das Buch hat mich nicht nur mit der einfühlsamen Geschichte überzeugt, sondern auch mit den zweifarbigen Illustrationen. Bild und Text sind miteinander verwoben. Meist illustriert die Grafik den Text, doch manchmal ergänzt der Text wiederum das Bild. Beides ist perfekt aufeinander abgestimmt. Ich frage mich, gab es zuerst den Text? Oder wurde Bild und Text parallel kreiert? Die Gestaltungsform vermittelt den Eindruck eines richtigen Tagebuchs. Auf der Website der Illustratorin gibt’s einen Blick ins Buch.

Preise

Das Jugendbuch hat 2020/21 verschiedene Preise abgeräumt (Preis-Liste auf der Verlags-Website). Von einer Fachjury wurde das Buch für den Katholischen Kinder- und Jugendbuch-Preis 2021 vorgeschlagen. Die Bischöfe lehnten die Nomierung ab. Die Jury blieb allerdings bei ihrer Wahl. Daher wurde der Preis im letzten Jahr nicht verliehen. Begründung des Ständigen Rates: Das Buch entspräche nicht den Kritieren des Preises. Eine genauere Erklärung wurde nicht abgegeben. Man kann nur spekulieren. Es folgte neben öffentlicher Kritik auch ein offener Brief von 222 Kinderbuch-Autoren und -Illustratoren. Das Buch bildet die Lebensrealität junger Erwachsener ab: Tod, Armut, Sex und queere Lebensentwürfe. Die Eminzenen fanden’s nicht preisverdächtig. Aber viele Käufer:innen lesenswert! Inzwischen ist die 5. Auflage erhältlich.

Fazit

Die Geschichte ist viel zu schnell gelesen. Sie ist dicht erzählt und darin steckt eine große thematische Bandbreite. Die Charaktere sind klug und selbstbewusst. Ich lese darin Liebe, Freundschaft, Loyalität, Zuversicht und Mut. Auch den unschönen Seiten des Lebens Romane mit selbstwirksamer Botschaft zu widmen, finde ich sehr wichtig. Als Geschenk für Jugendliche ab 15 Jahre geeignet. Mein Fazit: Unbedingt lesen – auch Erwachsene!

Infos zum Buch

  • Titel: Papierklavier
  • Autorin: Elisabeth Steinkellner
  • Illustratorin: Anna Gusella
  • 140 Seiten
  • Verlag: Beltz
  • 5. deutsche Auflage: 2021
  • Hardcover: 14,95 Euro
  • ISBN: 978-3-407-75579-7

Hier geht’s zur Leseprobe!

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Goldie Goldbloom: Eine ganze Welt [Rezension]

Surie ist 57 und schwanger. Damit hat sie nicht mehr gerechnet. Sie hat Angst dem Ansehen der Familie zu schaden. Und sie trauert noch, um ihren Sohn. Sie steckt in einem Dilemma. Ihre Lösung: Die Schwangerschaft muss geheim bleiben. Auch vor ihr selbst. Die 10-fache Mutter ignoriert lange alle Zeichen. Ihre Welt ist aus dem Gleichgewicht. Schließlich ist sie seit 40 Jahren glücklich verheiratet. Doch nun fehlen dem Paar die Worte. Surie lebt mit ihrer Familie in einer chassidischen Gemeinde in Brooklyn. Nun beginnt sie sich zu emanzipieren.

Mir hat der einfühlsame Erzählstil von Goldbloom und die differenzierten Charakterzeichnungen ihrer Figuren gefallen. Sie erzählt die Geschichte einer Frau, die einen Weg finden möchte ihre Gemeinschaft zu gestalten. Surie denkt nicht darüber nach ihr Leben zu verlassen, sondern möchte es positiv verändern – auch wenn das nicht einfach ist.

Für den Roman „Eine ganze Welt“ bekam Goldie Goldbloom den Jewish Fiction Award 2020. Die Geschichte war für mich besonders vor dem Hintergrund sehr spannend, da ich in verschiedenen Artikeln las, dass die Autorin selbst als queere Chassidin lebt und sich in der LBGT-Bewegung engagiert.

Das Buch habe ich in Ergänzung zu „Unorthodox“ gelesen. Der Plot von „Eine ganze Welt“ ist bewegend und es wird nichts beschönigt. Themen wie Suizid, Missbrauch und Homophobie kommen vor. Der Roman wirkt noch eine Weile nach. Eine große Empfehlung von mir.


Infos zum Buch

  • Autor: Goldie Goldbloom
  • Titel: Eine ganze Welt
  • Übersetzung von Anette Grube
  • 1. deutsche Auflage: 2021
  • Verlag: Hoffmann und Campe
  • 288 Seiten
  • Hardcover: 24 Euro
  • ISBN: 978-3-455-00901-9
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Mutter werden – ja oder nein? Nie, nie, nie… heißt es in Linn Strømsborgs Roman

Möchte ich Mutter sein? Wie fühlt es sich an, wenn die biologische Uhr tickt? Oder sind es nur die Erwartungen von Familie und Freund:innen, die ich fühle? Möchte ich Mutter sein, weil scheinbar alle ein Kind bekommen? Bin ich erst eine Frau, wenn ich Mutter bin? Werde ich es später bereuen, wenn ich kein Kind bekomme? Meine Partner:in möchte eine Familie. Wie sieht unsere Zukunft aus? Könnte ich eine gute Mutter sein? Diesen inneren Monolog kennen viele. Er geht noch viel weiter.

Die namenlose Protagonistin in Linn Strømsborgs Roman „Nie, nie, nie“ will keine Mutter werden – niemals. Diese Prämisse für einen Roman hat mich neugierig gemacht. Die Autorin widmet dem Für- und Wider, um das komplexe Thema Mutterschaft ihren Roman und zeigt vielfältige Frauenbilder und Lebensmodelle.

Wir folgen der Ich-Erzählerin in ihren Gedankengängen – erfahren, weshalb sie keine Kinder haben möchte und lesen welchen Erwartungen und Bewertungen sie daher von Fremden, Familie, Partnern und Freund:innen ausgesetzt ist und wie sie sich dazu positioniert. Neben der differenzierten Darstellung der Gründe für ein Leben ohne Kinder, haben mir am besten die Beschreibungen der Großmütter und Mütter in ihrem Umfeld gefallen, die ihre Rolle jeweils recht unterschiedlich leb(t)en. Dynamik kommt in die Handlung als die beste Freundin schwanger wird und sich in ihre neue Rolle als Mutter einfindet.

Von den Protagonist:innen war ich oft genervt, was aber reizvoll war. Auch wenn mir die Handlungen der Figuren nicht immer sympathisch waren, sind sie doch nüchtern und schlüssig charakterisiert. Als Leserin konnte ich zu den Figuren eine Beziehung aufbauen und war ganz in die Geschichte versunken.

Auch wenn mir der Roman insgesamt gut gefallen hat, zum Schluss hat er mich dennoch etwas ratlos zurückgelassen. Es hat für viele Romane seine Berechtigung das Ende mit einem Fragezeichen zu beenden. Schließlich ist Literatur nicht dafür da, uns die Welt abschließend zu erklären. Doch hier empfinde ich das Ende als unpassend, sofern es im Roman darum gehen sollte die bewusste Entscheidung gegen Kinder als einen von vielen gleichwertigen Lebensentwürfen zu zeigen. So habe ich die Geschichte jedenfalls interpretiert und daher hätte ich mir das letzte Kapitel aus der Perspektive des Ex-Partners gerne gespart.

Ich finde den Roman wichtig, weil er dem Thema gewollte Kinderlosigkeit nuanciert begegnet. Denn es ist – wie so oft – nicht einfach. Strømsberg zeigt, dass diese Entscheidung ein Prozess ist und ein Ringen mit sich selbst sein kann.


Infos zum Buch

Ich habe diese Ausgabe gelesen:

  • Autorin: Linn Strømsberg
  • Titel: Nie, nie, nie
  • Erste norwegische Auflage: 2020
  • 2. deutsche Auflage: 2021
  • Übersetzung von Stefan Pluschkat
  • 256 Seiten
  • Verlag: Dumont
  • Hardcover: 20 Euro
  • ISBN: 978-3-8321-8133-8
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Nature Writing: Lieblingsbuch 2021

Das Lied der Arktis von Bérengère Cournut

„Das Lied der Arktis“ ist mein Lektüre-Liebling 2021. Es beginnt damit wie die junge Uqsuralik in der Kälte ums Überleben kämpft, als sie von ihrer Familie getrennt wird.

Selten hat mich in letzter Zeit ein Roman so sehr in den Bann gezogen. Ich war als Leserin dabei – an einem Ort mit Jahreszeiten, aber ohne Jahreszahl – und habe die Schönheit der Natur und ihre Grausamkeit gesehen. Ich durfte die Kultur der Inuit kennenlernen: ihre nomadische Lebensweise, ihren Glauben, ihre Musik, ihre Poesie.

Der Roman zeigt einen anderen Blick aufs Leben. Glücksfaktoren unserer westlichen, industriellen Welt wirken im Kontrast seltsam. Ein optimiertes Leben in Perfektion und ohne Schwierigkeiten? Macht das ein gutes Leben aus?

„Das Lied der Arktis“ ist ein Buch für Verstand und Gefühl. Bérengère Cournut forschte 7 Jahre lang zur Kultur der Inuit, bevor sie diesen Roman im Stil des Nature Writing schrieb. Das Buch ist von diesem Wissen durchdrungen. Die Geschichte ist authentisch und liebevoll erzählt. Aus dem Französischen übersetzt von Stefanie Jacobs.

Hinten im Buch gibt es einen Fototeil. Für die Datierung der Bilder kann ich meine westlichen Maßstäbe wieder nicht anwenden. Die Bilder gehören in ein unbestimmtes Gestern. Im Heute und Morgen ist diese Welt vom Klimawandel bedroht.


Infos zum Buch

Ich habe diese Ausgabe gelesen:

  • Autorin: Bérengère Cournut
  • Titel: Lied der Arktis
  • Erste französische Auflage: 2019
  • Deutsche Auflage: 2020
  • Übersetzung von Stefanie Jacobs
  • 254 Seiten
  • Verlag: Ullstein
  • Hardcover: 23 Euro
  • ISBN: 978-3-550-20097-7
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Ein gutes Buch: „Unorthodox“ von Deborah Feldman

Vielleicht kennt ihr bereits die gleichnamige Mini-Serie, die 2020 bei Netflix erschien. Es handelt sich dabei um eine Adaption des autobiographischen Romans „Unorthodox“ von Deborah Feldman. Die Serie ist vom Buch nur inspiriert. Beide stehen eigenständig für sich selbst. Als ich letztes Jahr den Trailer sah, hatte ich vom Buch bereits gehört und die Geschichte machte mich neugierig. Mir gefiel die Bildsprache des Trailers und ich erlag dem Reiz einer unbekannten Kultur. Ich wollte mehr wissen. Die Verfilmung war beeindruckend, daher habe ich mich nun an die Lektüre der Buchvorlage gemacht. Ein starkes Buch, eine starke Verfilmung. Mir hat beides viel gegeben.

„Unorthodox“ wird als Enthüllungsbuch bezeichnet, da die Autorin ihre Erlebnisse in einer geschlossenen, religiösen Gemeinschaft mit der Öffentlichkeit teilt und sie kritisch hinterfragt. Ich habe das Buch vor allem als die ergreifende Autobiographie einer Frau meiner Generation gelesen. In entwicklungspsychologischer Hinsicht gelingt die Identifikation mit der Erzählerin sehr gut, doch findet diese Entwicklung in einem repressiven Umfeld statt. Ich war immer wieder darüber schockiert, welche Erfahrungen Feldman machte und wie unfrei sie erzogen wurde. Dieses Buch hat mir meine Privilegien wieder einmal vor Augen geführt.

Im Kontrast zur bitteren Realität der Handlung steht die innere Stärke und Haltung der Autorin. Dies macht die Geschichte von Deborah Feldman für mich so faszinierend. Sie berichtet über ihr Leben in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde der Satmarer in New York. Hineingeboren in eine chassidische Familie bestimmen religiöse Regeln ihr Leben, sie fühlt sich eingeengt und nicht zugehörig. Für Frauen lässt ihr Umfeld nur den Lebensentwurf der devoten Ehefrau und Mutter zu und innerhalb dieser Rolle gibt es keinen Raum für Individualität oder Selbstverwirklichung. Im Laufe der Jahre entfernt sich Feldman langsam von den strengen Werten und Normen. Mit Mitte zwanzig beschließt sie in ein unabhängiges Leben außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft aufzubrechen. Von dieser Entwicklung erzählt Feldman eindrucksvoll in ihrem Roman.

Die traditionelle Welt, in der die New Yorkerin aufwächst, scheint fast zeitlos zu sein. Obwohl Rauchwolken den Himmel verdunkeln, erreicht sie am 11. September 2001 die Nachricht von den Terroranschlägen wie aus einer anderen Welt. Dieses Ereignis und das gelegentliche Aufblitzen von Popkultur sind zeitliche Markierungen aus weiter Ferne. Bücher, Musik und Mode stehen für eine fremde Welt, nach der sich die junge Frau sehnt.

Bücher haben eine wichtige Bedeutung für Feldman. Die Mehrheit an Literatur ist ihr verboten, doch sie liest trotzdem. Bücher sind ständig ein Thema. Mal werden sie heimlich gelesen, mal schmerzlich vermisst. Sie sind das Tor zu einer anderen Welt, vermitteln neue Ideen und ermöglichten es ihr eine weitere Sprache zu lernen. Beeindruckend ist auch ihr Mut, mit dem sie Chancen ergreift. Mit jedem Buch und jeder Begegnung emanzipiert sie sich und der Glaube an ihre eigene Selbstwirksamkeit wächst. Bildung ist der Schlüssel zu ihrem neuen Leben.

Die Geschichte ist psychologisch klug erzählt. Ich konnte mich in die Protagonistin sehr gut einfühlen und auch die weiteren Personen sind empathisch beschrieben. Zwar teilt die Autorin nicht jede dieser Meinungen oder heißt deren Verhalten gut, doch kann sie andere Perspektiven und Lebensentwürfe plausibel vermitteln. Dabei zeigt sie das Dilemma auf, in das Menschen geraten können.

Die feinfühlige Erzählung von Feldman und die Einblicke, die sie in die Lebensart der chassidischen Glaubensgemeinschaft mit ihren Regeln und Traditionen gewährt, hat das Buch für mich zum echten Pageturner gemacht. Auch wenn Feldmans Jugend, mit ihren vollkommen anderen Erfahrungen, auf mich fremd wirkt und traurig macht, erzählt sie zugleich eine Geschichte über Emanzipation und die Suche nach einem authentischen Leben – und das ist uns wohl allen sehr vertraut.

Mein Fazit: Eine bewegende Geschichte. Unbedingt lesen!


Ich habe diese Ausgabe gelesen:
Deborah Feldman: Unorthodox, (engl. Erstausgabe 2012), 6. dt. Aufl., Secession Verlag für Literatur, Zürich 2016.

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