Rezension: Die Kinderbuchbrücke von Jella Lepman

Pinocchio, Pipi Langstrumpf, Nils Holgerson, Alice im Wunderland oder der kleine Prinz – viele Geschichten unserer Kindheit verdanken wir zum großen Teil dieser beeindruckenden Frau: Jella Lepman. Durch ihre Arbeit prägte sie ab 1945 bedeutend das kulturelle Gedächtnis in Deutschland. Welche Geschichten sollten Kindern nun vorgelesen werden? In einem Land, indem zuvor Bücher verbrannt wurden?


Die Kraft der Literatur

In „Die Kinderbuchbrücke“ beschreibt Jella Lepman rückblickend ihre kulturelle Arbeit im kriegszerstörten Deutschland. Das Buch erschien bereits 1969 zum ersten Mal. Im Jahr 2020 veröffentlichte der Kunstmann-Verlag eine kommentierte Neuauflage, die ich allen sehr ans Herz lege.

Jella Lepman kehrte 1945 nach Deutschland ins Land der Täter:innen zurück, um Humanismus und kulturelle Bildung in einem kriegszerstörten Land zu vermitteln. Den Faschismus aus den Köpfen bekommen… Wie sollte das funktionieren?

Lepman entschied sich dafür mit den Kindern zu beginnen und auf die Zukunft zu setzen: Literatur sollte helfen. Kein leichtes Unterfangen in einem Europa, das von Trauma und Hunger, Obdachlosigkeit und Armut geprägt war. In Deutschland mangelte es an allem – auch an Papier. Literatur für die Kleinsten schien für viele ein unbedeutender Luxus zu sein. Doch Lepman hielt daran fest. Gerade in dieser Situation brauche es Kultur, so Lepmans feste Überzeugung. Sie organisierte Literatur-Ausstellungen und Leseanlässe für Kinder. Sie sammelte internationale Kinderbücher, um Kindern und Jugendlichen in Deutschland mit der Internationalen Jugendbibliothek in München einen friedlichen Ort für ihre Kindheit und kulturellen Austausch zu schaffen. 

Jella Lepman: Eine Frau mit Vision

Führe ich mir nun die persönliche Geschichte von Jella Lepman vor Augen, bin ich tief beeindruckt von ihrer menschlichen Größe. Denn Lepman floh in den 1930ern vor den Nationalsozialisten aus ihrer Heimat Deutschland. Sie verlor Familienangehörige und Freund:innen durch den Holocaust und doch kam die Journalistin und Kinderbuchautorin bereits 1945 als Offizierin der US-Army mit einem kulturellen Auftrag zurück ins Land der Täter:innen.

Für „Die Kinderbuchbrücke“ schrieb sie ihre Erinnerungen auf. Es sind Augenzeugen-Berichte aus dem Nachkriegsdeutschland. Mit ihrem Jeep fuhr sie durch zerstörte Städte und Landschaften und eruierte, was nötig und möglich war. Was sie im Gepäck hatte, war der Glaube an ihr Projekt und Interesse für Menschen. Dies half ein gutes Netzwerk auszubauen. Noch nie habe ich so detaillierte und lebendige Berichte aus der unmittelbaren Nachkiegszeit gelesen. Ich war erschüttert und habe aus der Lektüre viel gelernt.

Neuauflage: Eine runde Sache

In ihrem Vorwort ordnet Christiane Raabe den Text kritisch für die heutigen Leser:innen ein. Denn Raabe würdigt darin Lepmans Leistungen und schildert ihre Kriegserfahrungen. Sie weist aber auch daraufhin, dass Lepman gelegentlich rassistische Formulierungen in ihrem Text wählt, und dass obwohl sie immer für Menschenrechte, Demokratie, internationale Beziehungen und Humanismus eintrat. Ich denke, an diesem Zeitzeugnis ist erkennbar, wie tief Rassismus in unserer Sprache und damit auch im Denken verankert ist. Es zeigt, wie wichtig der Diskurs auf allen Seiten ist, um als Gesellschaft immer wieder alte Denkmuster zu hinterfragen und neue Worte für unsere Werte zu finden. Damit wir alle die Chance haben zu vermitteln, was uns auf dem Herzen liegt.

Als Leserin möchte ich zum Schluss mehr über diese bemerkenswerte Frau erfahren. Denn in ihren persönlichen Aufzeichnungen nimmt sich Jella Lepman selbst zurück. Am Ende rundet ein biografischer Teil die Lektüre ab. Anna Becchi berichtet darin, wie vielfältig und abenteuerlich das Leben von Jella Lepman verlief.

Auch die Anmerkungen der Herausgeber sind bereichernd. Sie erweitern den Text und schaffen Zusammenhänge. Sie füllten so mache meiner Wissenslücken. Ich lernte viel über den internationalen Kulturbetrieb der 1940er Jahre und erfuhr wie vielfältig Kulturschaffende die Kriegsjahre erlebten. In all der Not las ich viel Hoffnung und den Glauben an eine bessere Zukunft heraus.

Fazit

Wenn ihr darüber lesen möchtet,

  • …welche Kraft Literatur hat.
  • …dass es wichtig ist, für die eigenen Werte einzustehen.
  • …dass das Wirken einer Person einen Unterschied macht.

Dann lest dieses Buch!


Infos zum Buch

  • Titel: Die Kinderbuchbrücke
  • Autor: Jella Lepman
  • Herausgeber: Internationale Jugendbibliothek unter Mitarbeit von Anna Becchi
  • Verlag: Antje Kunstmann
  • kom. Neuauflage: 2020 (engl. Originalausgabe 1969)
  • 303 Seiten
  • Gebundende Ausgabe: 25 Euro
  • ISBN: 978-3-95614-392-2
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