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Rezension: Metropol von Eugen Ruge

Buchcover Roman Metropol von Eugen Ruge

Metropol von Eugen Ruge – was für ein Buch! Von der Geschichte bin ich erschüttert und beeindruckt von dieser schriftstellerischen Leistung. 

Ruge verarbeitet die Geschichte seiner Großmutter literarisch. Die Handlung spielt 1936-1937 in stalinistischen Moskau. Terror versetzt die Bevölkerung in Schrecken. Täglich gibt es Verhaftungen, Todesurteile und zahllose Menschen werden in die Gulags (Arbeitslager) verdammt. Es kann jede:n treffen – für eine Verurteilung braucht es keinen Grund. Neben diesem Terror ist die propagandistische Fassade immer präsent: rasanter technologischer Fortschritt, der Bau der Metro, Häuser, die versetzt werden und der erste Mensch im Weltraum. Doch im Alltag überall Mangel und Armut. 

Charlotte wird mit ihrem Mann vom sowjetischen Geheimdienst suspendiert und im Hotel Metropol einquartiert. Dort harren sie aus. Immer das Gefängnis vor Augen. Wird es für sie gut ausgehen? Eine erschütternde Geschichte basierend auf historischen Quellen. Ruge gelingt es Daten und ihm bekannte historische Fragmente zu einer psychologisch authentischen Erzählung zu verweben.

Wir verfolgen die Geschichte aus der Perspektive von drei Protagonist:innen: Charlotte, Hilde, Ulrich. Wir begleiten sie und erfahren alles aus ihrer Sicht in Rückblenden und zeitlich versetzt. Alle drei Zweifeln trotz allem nicht am Sozialismus und vertrauen Stalin. Ihre persönlichen Wahrheiten passen sich an die Entwicklungen an.

Einfach wow! Nun steht auch die Famliensaga „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge auf meiner Leseliste.


Infos zum Buch

Ich habe diese Ausgabe gelesen:

  • Titel: Metropol
  • Autor: Eugen Ruge
  • Verlag: Rowohlt
  • 429 Seiten
  • 4. Auflage: 2019
  • Gebundene Ausgabe: 24 Euro
  • ISBN: 978-3498001230

2021 als Taschenbuch erschienen:

  • Taschenbuch-Ausgabe: 14 Euro
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch
  • ISBN: ‎978-3499000973
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Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe [Rezension]

„Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ von Elif Shafak hat mir eine Freundin empfohlen. Wir haben es nun gemeinsam gelesen.

Ella hat sich im Alltag mit Familie verloren und nimmt einen neuen Job als Literaturgutachterin an. Wie sollte es anders kommen – der erste Auftrag stellt ihr Leben auf den Kopf. Sie widmet sich einem Roman, der die spirituelle Beziehung des Wanderderwischs Schams und des Sufi-Dichters Rumi thematisiert und dabei 40 Geheimnisse der Liebe teilt. Während dieser Arbeit verliebt sie sich in Aziz, den Autor des Romans.

Ella liebt Aziz. Schams liebt Rumi. Und andersherum – das ist hier Programm. Damit meine ich diese Verbindungen zwischen Figuren, auch über Jahrhunderte hinweg. Dieses Wechselspiel zieht sich durch den ganzen Roman.

Es beginnt schon auf der formalen Ebene, da es einen Roman im Roman gibt und es geht so weit, dass dem fiktiven Autor Aziz Ähnlichkeit mit der historischen Person Schams-e Tabrizi zugesprochen wird. Dieser Beziehung verleiht der Autor durch eine literarische Figur in seinem Werk Ausdruck. Bezüge, wo man hinschaut.

Zu Beginn ist es mir recht schwergefallen, mich auf die Geschichte einzulassen. Der Charakter der Protagonistin Ella war mir zunächst unsympathisch und voller Klischees. Ich hatte den Eindruck, dass das Buch nichts für mich ist. Das hat sich aber im Verlauf der Lektüre geändert, da sich Ella weiterentwickelte und die Figur damit an Komplexität gewann und zugänglicher wurde. Besonders das Ende hat mich berührt.

Auch der Austausch mit der Freundin war wichtig, um noch eine andere Perspektive auf die Geschichte zu bekommen. Das Buch werde ich nun an die nächste Leserin weitergeben.

„Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ ist das erste Buch, das ich von Elif Shafak gelesen habe. Ich ahne, dass ich noch weitere Bücher von ihr lesen muss. Denn mich interessiert nun der Zusammenhang dieses Romans zum Gesamtwerk. Daher habe ich nun als literarische Klammer „Der Bastard von Istanbul“ und „Schau mich an“ auf meine Leseliste gesetzt.

Infos zum Buch

  • Titel: Die vierzig Geheimnisse der Liebe
  • Autorin: Elif Shafak
  • 512 Seiten
  • Verlag: Kein & Aber
  • Taschenbuch: 15 Euro
  • ISBN: 978-3-036-95912-2
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Goldie Goldbloom: Eine ganze Welt [Rezension]

Surie ist 57 und schwanger. Damit hat sie nicht mehr gerechnet. Sie hat Angst dem Ansehen der Familie zu schaden. Und sie trauert noch, um ihren Sohn. Sie steckt in einem Dilemma. Ihre Lösung: Die Schwangerschaft muss geheim bleiben. Auch vor ihr selbst. Die 10-fache Mutter ignoriert lange alle Zeichen. Ihre Welt ist aus dem Gleichgewicht. Schließlich ist sie seit 40 Jahren glücklich verheiratet. Doch nun fehlen dem Paar die Worte. Surie lebt mit ihrer Familie in einer chassidischen Gemeinde in Brooklyn. Nun beginnt sie sich zu emanzipieren.

Mir hat der einfühlsame Erzählstil von Goldbloom und die differenzierten Charakterzeichnungen ihrer Figuren gefallen. Sie erzählt die Geschichte einer Frau, die einen Weg finden möchte ihre Gemeinschaft zu gestalten. Surie denkt nicht darüber nach ihr Leben zu verlassen, sondern möchte es positiv verändern – auch wenn das nicht einfach ist.

Für den Roman „Eine ganze Welt“ bekam Goldie Goldbloom den Jewish Fiction Award 2020. Die Geschichte war für mich besonders vor dem Hintergrund sehr spannend, da ich in verschiedenen Artikeln las, dass die Autorin selbst als queere Chassidin lebt und sich in der LBGT-Bewegung engagiert.

Das Buch habe ich in Ergänzung zu „Unorthodox“ gelesen. Der Plot von „Eine ganze Welt“ ist bewegend und es wird nichts beschönigt. Themen wie Suizid, Missbrauch und Homophobie kommen vor. Der Roman wirkt noch eine Weile nach. Eine große Empfehlung von mir.


Infos zum Buch

  • Autor: Goldie Goldbloom
  • Titel: Eine ganze Welt
  • Übersetzung von Anette Grube
  • 1. deutsche Auflage: 2021
  • Verlag: Hoffmann und Campe
  • 288 Seiten
  • Hardcover: 24 Euro
  • ISBN: 978-3-455-00901-9
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Mutter werden – ja oder nein? Nie, nie, nie… heißt es in Linn Strømsborgs Roman

Möchte ich Mutter sein? Wie fühlt es sich an, wenn die biologische Uhr tickt? Oder sind es nur die Erwartungen von Familie und Freund:innen, die ich fühle? Möchte ich Mutter sein, weil scheinbar alle ein Kind bekommen? Bin ich erst eine Frau, wenn ich Mutter bin? Werde ich es später bereuen, wenn ich kein Kind bekomme? Meine Partner:in möchte eine Familie. Wie sieht unsere Zukunft aus? Könnte ich eine gute Mutter sein? Diesen inneren Monolog kennen viele. Er geht noch viel weiter.

Die namenlose Protagonistin in Linn Strømsborgs Roman „Nie, nie, nie“ will keine Mutter werden – niemals. Diese Prämisse für einen Roman hat mich neugierig gemacht. Die Autorin widmet dem Für- und Wider, um das komplexe Thema Mutterschaft ihren Roman und zeigt vielfältige Frauenbilder und Lebensmodelle.

Wir folgen der Ich-Erzählerin in ihren Gedankengängen – erfahren, weshalb sie keine Kinder haben möchte und lesen welchen Erwartungen und Bewertungen sie daher von Fremden, Familie, Partnern und Freund:innen ausgesetzt ist und wie sie sich dazu positioniert. Neben der differenzierten Darstellung der Gründe für ein Leben ohne Kinder, haben mir am besten die Beschreibungen der Großmütter und Mütter in ihrem Umfeld gefallen, die ihre Rolle jeweils recht unterschiedlich leb(t)en. Dynamik kommt in die Handlung als die beste Freundin schwanger wird und sich in ihre neue Rolle als Mutter einfindet.

Von den Protagonist:innen war ich oft genervt, was aber reizvoll war. Auch wenn mir die Handlungen der Figuren nicht immer sympathisch waren, sind sie doch nüchtern und schlüssig charakterisiert. Als Leserin konnte ich zu den Figuren eine Beziehung aufbauen und war ganz in die Geschichte versunken.

Auch wenn mir der Roman insgesamt gut gefallen hat, zum Schluss hat er mich dennoch etwas ratlos zurückgelassen. Es hat für viele Romane seine Berechtigung das Ende mit einem Fragezeichen zu beenden. Schließlich ist Literatur nicht dafür da, uns die Welt abschließend zu erklären. Doch hier empfinde ich das Ende als unpassend, sofern es im Roman darum gehen sollte die bewusste Entscheidung gegen Kinder als einen von vielen gleichwertigen Lebensentwürfen zu zeigen. So habe ich die Geschichte jedenfalls interpretiert und daher hätte ich mir das letzte Kapitel aus der Perspektive des Ex-Partners gerne gespart.

Ich finde den Roman wichtig, weil er dem Thema gewollte Kinderlosigkeit nuanciert begegnet. Denn es ist – wie so oft – nicht einfach. Strømsberg zeigt, dass diese Entscheidung ein Prozess ist und ein Ringen mit sich selbst sein kann.


Infos zum Buch

Ich habe diese Ausgabe gelesen:

  • Autorin: Linn Strømsberg
  • Titel: Nie, nie, nie
  • Erste norwegische Auflage: 2020
  • 2. deutsche Auflage: 2021
  • Übersetzung von Stefan Pluschkat
  • 256 Seiten
  • Verlag: Dumont
  • Hardcover: 20 Euro
  • ISBN: 978-3-8321-8133-8
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Nature Writing: Lieblingsbuch 2021

Das Lied der Arktis von Bérengère Cournut

„Das Lied der Arktis“ ist mein Lektüre-Liebling 2021. Es beginnt damit wie die junge Uqsuralik in der Kälte ums Überleben kämpft, als sie von ihrer Familie getrennt wird.

Selten hat mich in letzter Zeit ein Roman so sehr in den Bann gezogen. Ich war als Leserin dabei – an einem Ort mit Jahreszeiten, aber ohne Jahreszahl – und habe die Schönheit der Natur und ihre Grausamkeit gesehen. Ich durfte die Kultur der Inuit kennenlernen: ihre nomadische Lebensweise, ihren Glauben, ihre Musik, ihre Poesie.

Der Roman zeigt einen anderen Blick aufs Leben. Glücksfaktoren unserer westlichen, industriellen Welt wirken im Kontrast seltsam. Ein optimiertes Leben in Perfektion und ohne Schwierigkeiten? Macht das ein gutes Leben aus?

„Das Lied der Arktis“ ist ein Buch für Verstand und Gefühl. Bérengère Cournut forschte 7 Jahre lang zur Kultur der Inuit, bevor sie diesen Roman im Stil des Nature Writing schrieb. Das Buch ist von diesem Wissen durchdrungen. Die Geschichte ist authentisch und liebevoll erzählt. Aus dem Französischen übersetzt von Stefanie Jacobs.

Hinten im Buch gibt es einen Fototeil. Für die Datierung der Bilder kann ich meine westlichen Maßstäbe wieder nicht anwenden. Die Bilder gehören in ein unbestimmtes Gestern. Im Heute und Morgen ist diese Welt vom Klimawandel bedroht.


Infos zum Buch

Ich habe diese Ausgabe gelesen:

  • Autorin: Bérengère Cournut
  • Titel: Lied der Arktis
  • Erste französische Auflage: 2019
  • Deutsche Auflage: 2020
  • Übersetzung von Stefanie Jacobs
  • 254 Seiten
  • Verlag: Ullstein
  • Hardcover: 23 Euro
  • ISBN: 978-3-550-20097-7
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Buchbesprechung: Das Café am Rande der Welt von John Strelecky

Bücherstapel in der Mitte liegt der gelbe Buchrücken von Cafe am Rande der Welt

Ein erfüllten Leben. Wie geht das?

In diesem Gespräch nehmen Rike und ich einen internationalen Bestseller genauer unter die Lupe. Es geht um das Buch „Das Café am Rande der Welt“ von John Strelecky. Wir sprechen über nichts Geringeres als eine „Erzählung über den Sinn des Lebens“, das verspricht zumindest der Untertitel des Buches.

Wer liest?

Rike ist zufällig zu einer Expertin für „Das Café am Rande der Welt“ geworden. Sie hat das Buch inzwischen dreimal gelesen: einmal als es ihr gut ging, ein zweites Mal als es ihr weniger gut ging und schließlich zur Vorbereitung auf dieses Gespräch. Wenn ich an Rike denke, denke ich an zwei Worte mit TÄT. Eines davon ist Integrität, das andere ist Kreativität. Über Kreativität habe ich beim letzten Gespräch schon mit Stephanie gesprochen. Hier gibt’s den Beitrag für Kreative. Heute geht es aber um Sinnsuche.

Rike ist eine Frau mit Haltung. Wenn mich eine Situation irritiert, hilft mir ein Gespräch mit ihr. Das liegt daran, dass sie selbst schon einige Stürme im Leben erlebt hat. Ihre Werte sind ihr Kompass, um auf Kurs zu bleiben. Auch in verletzlichen Momenten bewahrt sie ihre Stärke. Sie hat den Mut Schattenseiten genau zu betrachten, um daran zu wachsen. Ich bin gespannt, was wir heute von ihr lernen dürfen.

Darum geht’s in Kürze

Wiebke: Wie würdest du das Buch „Das Café am Rande der Welt“ in maximal fünf Sätzen zusammenfassen?

Rike: Ich weiß nicht, ob meine Beschreibung das trifft, was du gerne hören würdest.

Wiebke: Es gibt doch kein richtig und falsch. Die Zusammenfassungen geben der Buchbesprechung von Beginn an eine persönliche Note. Jede Perspektive hat ihre Berechtigung.

Rike: Stimmt. Ich wollte keine sachliche Zusammenfassung schreiben. Ich habe das hier notiert:

„Ein umgekippter Laster, ein leerer Tank und kein erkennbares Ziel. Manchmal sind es die Reise ins Nirgendwo, der unbekannte Ort und unbekannte Menschen, die uns auf die intensivste Reise unseres Lebens schicken – der Reise zu uns selbst.“

Wiebke: In deiner Beschreibung höre ich die Kulturjournalistin heraus. Es könnte ein Anfang von einem deiner Artikel sein. Ich habe als Kontrast eine Zusammenfassung mitgebracht, wie du sie nicht schreiben wolltest.

„Der Protagonist John gerät auf dem Highway in einen Stau. In seiner Ungeduld sucht er nach einem anderen Weg, um schnell ans Ziel zu gelangen. Statt zu warten, biegt er ab und nach einer Irrfahrt entdeckt er schließlich erschöpft und frustriert irgendwo im Nirgendwo das Café der Fragen. Im Café führt er erkenntnisreiche Gespräche über den Sinn des Lebens. Er entwickelt einen neuen Blick auf seine bisherigen Entscheidungen und den Wunsch nach einem erfüllten Leben. Als er weiterfährt, entdeckt er, dass er gar nicht so weit vom richtigen Weg abgekommen war, wie es zunächst schien.“

Die wichtigsten Botschaften

Wiebke: Du hast „Das Café am Rande der Welt“ nun erneut gelesen und dir gefiel es schon vorher. Welcher Aspekt ist dir am wichtigsten?

Rike: Ich finde die Grundidee schön. Denn ich lese hier immer wieder heraus: auch wenn man unbedarft vom Weg abbiegt, kommt man ans Ziel. Vielleicht gerade erst dadurch! Der Weg darf sich immer verändern. Die Botschaft, dass man andere Menschen braucht, um ans Ziel zu kommen, mochte ich auch. Das dürfen gerne Unbekannte sein. Da gerade neue Begegnungen wieder eine neue Perspektiven ermöglichen. In der Geschichte unterhält sich der Ich-Erzähler mit den Café-Besitzern und beobachtet andere Gäste. Da die Hauptfigur am Anfang eher wie ein Eigenbrödler wirkt, ist das eine schöne Entwicklung.

Wiebke: John scheint zu Beginn jemand zu sein, der immer seinen Fahrplan einhält.

Rike: Richtig, im Buch werden Stationen eines Lebens aufgezählt, in denen sich viele Leser:innen wiederfinden können. Erst studiert man bzw. bildet sich aus, dann sucht man sich einen guten Job und schließlich geht es darum aufzusteigen – und das war es dann eigentlich schon. So einen Weg hat der Protagonist eingeschlagen und fühlt sich damit leer. Das ist der Ausgangspunkt der Geschichte.

Wiebke: Hinten im Buch steht etwas über den Autor, das hat mich beschäftigt:

„Ein prägendes Erlebnis hat John Strelecky im Alter von 33 Jahren zu seiner Geschichte ,Das Café am Rande der Welt‘ inspiriert.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 128.

Als Strelecky dieses Erlebnis hatte, das ihn nachhaltig veränderte, war er ungefähr so alt, wie wir beide heute. Wir lesen das Buch also zusammen zu einem – für uns – besonderen Zeitpunkt. Es ist aus der Perspektive eines Menschen in unserem Alter geschrieben. Es ist nicht der Blick eines alten, erfahrenen Menschen, der zurückblickt und alles weiß, sondern aus der Perspektive von jemandem erzählt, der mittendrin steckt und auf dem Weg ist.

Du hattest bei der Vorbereitung der Buchbesprechung erwähnt, dass es für dich in der Geschichte darum geht, dass man sich immer wieder neu ausrichtet. Das ist ein Leitmotiv, das jede:r in der eigenen Biografie wiederfinden kann. Es geht darum, wie man sich selbst neu erfindet oder sich verändert und zu neuer Kraft kommt.

Rike: Stimmt, aber er beschreibt auch, dass man – aus einer Verwirrung heraus oder durch einen Schicksalsschlag – an einer Stelle im Leben abbiegt, an der es eigentlich nicht geplant war. Aber diese Irrwege oder Zufälligkeiten führen einen wieder dahin, wo man eigentlich hinmöchte.

Wiebke: Wir dürfen uns fragen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind und was überhaupt unser Ziel ist?

Rike: Vielleicht eher, dass sich ein Ziel ändern darf. Ich glaube, die Hauptfigur ist Manager oder etwas ähnliches. Aber es bleibt am Ende die Frage, ob er das auch bleiben wird. Vielleicht macht er etwas anderes. Das bleibt offen. Es wird gezeigt, dass jede Abbiegung legitim ist.

Warum lieben wir diesen Bestseller?

Wiebke: Was glaubst du, warum das Buch so populär ist?

Rike: Viele Menschen brechen aus etablierten Mustern aus. Es ist heute nicht mehr so, dass man in die Fußstapfen der Eltern tritt. Man erbt keinen vorbestimmten Lebensweg. Nur weil der Vater Handwerker ist, muss man keine handwerkliche Ausbildung wählen. Das Kind von Akademiker:innen muss nicht zwingend studieren. Das ist heute nicht mehr zeitgemäß.

Wiebke: Die englische Erstausgabe ist im Jahr 2003 erschienen. Über so viele Jahre hat es sich zu einem Weltbestseller entwickelt und bis heute spricht die Geschichte viele Menschen an. Die Digitalisierung zwingt eigentlich jede:n von uns, den eigenen Lebensentwurf zu überdenken. Viele Berufe, die vorher identitätsstiftend waren, verändern sich oder gehen verloren. Ich denke, das färbt existentielle Fragen ein. Das Buch ist gleichzeitig so allgemein gehalten, dass es viele Leute anspricht.

Rike: Das Buch greift Fragen auf, die man sich immer wieder im Leben stellt. Die Kapitel sind kurz. Es sind schöne Illustrationen drin. Es ist kein abgehobenes philosophisches Werk. Es ist verständlich für jede:n. Es ist einfach sehr freundlich und positiv.

Wiebke: Vielleicht wie ein Kinderbuch für Erwachsene?

Rike: Ich finde man könnte es auch älteren Kindern geben. Vielleicht ist es inzwischen Schullektüre.

Wiebke: Hast du bei der Lektüre von „Das Café am Rande der Welt“ Zitate angestrichen?

Rike: Nein, da ich meine Ausgabe von einer Freundin geliehen habe.

Wiebke: Ich habe diese Passage markiert:

„Ich lehnte mich zurück und versuchte alles, was Casey mir erklärt hatte, zu verarbeiten. ‚Das heißt, es könnte die Lage auch verschlechtern‘, antwortete ich. ,So wie ich es vorhin vermutet habe: Man könnte besser damit fahren, sich die Frage nie zu stellen. Man könnte einfach so weitermachen wie bisher, quasi ohne den Geist aus der Flasche herauszulassen.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 34.

Hier wird das Risiko angesprochen, das existenzielle Fragen begleitet. Man kann sich die Frage stellen „Warum bin ich hier auf der Welt?“ und man kann eine Antwort finden, die unglücklich macht. Denn man könnte realisieren, dass man nicht dort ist, wo man sein möchte. Die Fragenden merken, dass sie sich verirrt haben und bleiben traurig zurück. Die Frage kann die Situation also erst einmal verschlechtern. Daher ist es möglich, sich bewusst vor der Antwort zu verschließen. Die Konfrontation könnte zu schmerzhaft sein. Der Preis der Erkenntnis ist das Risiko, das die Wahrheit wehtun kann.

Rike: Das stimmt in mehrfacher Hinsicht. Das betrifft Zusammenhänge, die du vorher nicht gesehen hast oder nicht sehen wolltest. Oder du hast das Problem, dass sich deine Wünsche finanziell auswirken, weil dein neuer Traumjob weniger Geld einbringt und dein bisheriger Lebensstil damit nicht mehr bezahlbar ist. Freund:innen möchten vielleicht nicht mehr zuhörenmund sie wenden sich ab, weil ihr nicht mehr zusammenpasst. Das kann alles sein.

Wiebke: Es kann sein, dass das bisherige Leben nicht mehr zu einem passt oder, dass man selbst nicht mehr zu den Menschen passt, die zu diesem Leben gehören. Beides kann Angst machen.

Rike: Wenn du den Job wechselst, dann verlierst du die Kolleg:innen. Aber was ist, wenn die Veränderung in der Familie oder der Beziehung ein Problem wird? Oder wenn du merkst, du möchtest an einem anderen Ort wohnen, aber du hast eine Familie mit Kindern? In dem Buch steht erst mal das Individuum im Mittelpunkt, aber von solchen Entscheidungen hängen immer andere Menschen ab.  Wenn man sich diese Frage stellt, kann man schnell in einen inneren Konflikt geraten. Es wird im Buch nicht nur nach dem Sinn des Lebens gefragt. Da gibt es noch mehr Potential. Eine andere Frage ist: „Hast du Angst vor dem Tod?“ Und wie war die dritte Frage, die vorkommt?

Drei existentielle Fragen

Wiebke: Eigentlich wird in der Geschichte am häufigsten über die erste Frage „Warum bist du hier?“ gesprochen. Dadurch kommt man automatisch auf die anderen beiden Fragen. Auf der Speisekarte des Cafés steht geschrieben:

„Warum bist du hier?
Hast du Angst vor dem Tod?
Führst du ein erfülltes Leben?“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 24.

Rike: Die Fragen ändern sich doch eigentlich beim Lesen. Also eigentlich heißt es: „Warum bin ich hier? Habe ich Angst vor dem Tod? Führe ich ein erfülltes Leben?“

Wiebke: Ich möchte noch über eine andere Stelle mit dir sprechen, denn sie passt zu dem, was du vor unserem Gespräch erwähnt hast. Nämlich, dass man seine eigene Geschichte immer wieder neu schreiben kann.

„Im Laufe seines Lebens stellt der Mensch vielleicht fest, dass er 10, 20 oder Hunderte von Dingen tun möchte, um dem Zweck seiner Existenz [ZDE] gerecht zu werden. Er kann all diese Dinge tun. Unsere erfülltesten Cafégäste sind diejenigen, die ihren ZDE kennen und all die Tätigkeiten ausprobieren, die ihrer Meinung nach dieser Bestimmung dienen.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 49.

Mir gefällt daran, dass man Dinge hinterfragen, ändern darf und als Ganzes betrachten sollte. Die Erfüllung liegt darin, dass man die Fülle des Lebens auslebt.

Rike: Es gibt viele Menschen, die ihre Zeit ausfüllen, aber sie verbringen ihre Zeit nicht mit Dingen, die ihren Zweck der Existenz erfüllen.

Wiebke: Dazu passt noch die Geschichte mit der Meeresschildkröte. In diesem Zitat wird beschrieben, was wir von ihr lernen können:

„Ich glaube, die Schildkröte… die grüne Meeresschildkröte… hat Sie Folgendes gelehrt: Wenn man nicht auf das ausgerichtet ist, was man gerne tun möchte, kann man seine Energie mit einer Menge anderer Dinge verschwenden. Wenn sich dann die Gelegenheit bietet, das zu tun, was man möchte, hat man möglicherweise nicht mehr die Kraft oder die Zeit dafür.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 58.

Rike: An der Beschreibung des ZDE finde ich schön, dass es alles sein kann. Es wird nicht als Arbeit, besondere Kompetenzen, Reisen oder Familie definiert, sondern es wird offengelassen. Ich glaube, dass sich der Zweck der Existenz manchmal ändern kann. Es gibt schließlich unterschiedliche Lebensabschnitte. Der Zweck, den du erfüllen willst, ist z.B. Mutter zu sein. Und du bekommst Kinder, ziehst sie groß und dann gehen sie. Du bleibst zwar Mutter, aber du kannst damit nicht mehr deine Zeit füllen, weil sie aus dem Haus sind und ein eigenes Leben führen. Dann brauchst du einen neuen ZDE.

Wiebke: Vielleicht sind Werte zur Orientierung verlässlich. Unsere Werte bleiben im Leben recht stabil. Innerhalb dieses Gerüsts kann sich der ZDE ändern. Das gilt für dich doch auch gerade. Deine aktuelle Neuorientierung fügt sich in dein bisheriges Leben ein. Die Entscheidung ist zwar keine Zwangsläufigkeit. Aber sie passt zum aktuellen Stand und zu deinen Werten.

Rike: Ich habe keine scharfe Kurve genommen. Das muss aber nicht für alle so sein.

Neue Orte – neue Perspektiven

Rike: Wenn wir gerade über Zitate sprechen – gerade den Anfang mag ich gerne:

„Manchmal, wenn man es am wenigsten erwartet, […] findet man sich an einem unbekannten Ort wieder, mit Menschen, die man gleichfalls nicht kennt, und erfährt neue Dinge.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 9.

Manchmal erfordert es einen Ortswechsel, um sich neu zu definieren.

Wiebke: Das erleichtert den Neuanfang zumindest. Ich habe es bisher immer sehr genossen, an einen neuen Ort zu gehen, wenn ich das Bedürfnis hatte mich zu verändern.

Rike: Oder man entdeckt einen neuen Ort auf bekanntem Terrain oder man lässt neue Menschen ins Leben. Man muss nicht immer alles komplett verändern.

Wiebke: Ich denke, dass man an einem anderen Ort, z.B. in einer neuen Wohnung, leichter neue Gewohnheiten etablieren kann. Noch stärker wirkt das beim Umzug in eine andere Stadt. Dort ist alles neu: Job, Leute, Wege, Routinen. Selbstverständlich ist aber Veränderung auch anders möglich. So wie du es gerade beschrieben hast: es reichen kleine Dinge, um viel zu erreichen.

Rike: Ich denke, die Veränderung im Kopf ist das Wesentliche. Das kann schon ausreichen.

Wiebke: Am Anfang steht der Gedanke. Wenn man Gewohnheiten verändert, ändern sich auch Gedanken. Das ist wechselseitig. Nur innerlich etwas zu ändern, ohne es äußerlich sichtbar zu machen, fällt mir selbst schwer. Mir ist die Selbstvergewisserung dabei wichtig. Man tut etwas, das die Repräsentation des Denkens ist. Ich glaube, es ist einfacher etwas im Kopf zu verändern, wenn man auch Handlungen ändert. Schon allein, wenn man einen anderen Weg als sonst läuft.

Rike: Das reicht ja manchmal.

Tipp für ein erfülltes Leben

Wiebke: Mir gefiel noch eine andere Passage sehr gut. Das ist die Stelle, in der eine Frau berichtet, wie sie ihr Leben vollständig verändert hat. Sie erklärt, es fing damit an, dass ich jeden Tag eine Stunde etwas tat, das ihr Spaß machte. Ohne eine Funktion – nur aus reiner Freude.

„Es fing langsam an. Zunächst nahm ich mir jede Woche etwas mehr Zeit für mich selbst. Ich hörte auf, mich als Ausgleich für die harte Arbeit mit Sachen zu belohnen, und belohnte mich stattdessen damit, dass ich tat, was ich tun wollte. Ich achtete beispielsweise darauf, jeden Tag mindestens eine Stunde lang etwas zu tun, das mir wirklich Spaß machte. Manchmal las ich einen Roman, der mich begeisterte, an anderen Tagen machte ich einen langen Spaziergang oder trieb Sport. Allmählich wurden aus der einen Stunde zwei, dann drei, und bevor ich mich’s versah, konzentrierte ich mich ganz darauf, Dinge zu tun, die ich tun wollte, Dinge, die meiner Antwort auf die Frage ,Warum bin ich hier‘ entsprachen.“

Vgl. Das Café am Rande der Welt, S. 78.

Dieses Zitat beschreibt, wie einfach man dieses erfüllte Leben erschaffen kann.

Rike: Man muss auch nicht alles ummodeln. Das kann man vielleicht gar nicht oder will es nicht. Jedenfalls braucht es das nicht. Man muss sich nur eine Stunde Raum geben für sich selbst.

Wiebke: Der Rest kommt dann von allein.

Rike: Es wird im Buch auch die Frage gestellt: Wie erreicht man etwas Großes oder Bedeutendes? Die Antwort im Buch lautet: gemeinsam mit anderen. Denn wenn du begeistert bist, ziehst du andere an, die ebenfalls begeistert sind und so werden es immer mehr.

Buchempfehlung: Wer braucht diese Lektüre?

Wiebke: Warum sollten andere dieses Buch lesen?

Rike: Weil es lebensfroh macht.

Wiebke: Das ist eine schöne Formulierung.

Rike: Es macht Lust etwas Neues zu entdecken. Eine lebensnahe Geschichte, die jeden irgendwie betrifft – wenn man möchte. Es steht im Buch schließlich auch geschrieben, dass sich manche Menschen diese Fragen nicht stellen. Aber einigen Leuten könnte es sehr gefallen. Man braucht das Buch nicht nur in Lebenskrisen, man kann es auch ohne Anlass lesen.

Wiebke: Ich habe es bisher zweimal gelesen und es war jedes Mal wie literarische Schokolade für die Seele. Schnell weg, mit Schmelz und ein wohliges Gefühl, das bleibt.

Rike: Gute Beschreibung.

Wiebke: Ich habe das schmale Buch unterschätzt. Die Geschichte hat mir mehr gegeben als gedacht.

Rike: Also es gibt andere Bücher in dem Feld, die noch mehr hergeben. Aber es ist leicht zugänglich und die Illustrationen darin haben mir gefallen. Es ist ein gutes Buch zum Verschenken. Meine Empfehlung ist das Buch wandern zu lassen. Irgendwann kommt es auf anderem Wege wieder zu einem zurück.

Wiebke: Stimmt, mein erstes Exemplar hatte ich auch weitergegeben. Es sollen möglichst viele Leute lesen.

Rike: Man hat nachhaltig etwas von der Lektüre. Es bleibt nicht der Wortlaut oder dass die Hauptfigur John heißt. Aber es bleibt die Beruhigung, dass man immer wieder selbst und neu wählen darf, wie man sein Leben gestaltet.

Wiebke: Schönes Schlusswort.


Ich habe diese Ausgabe gelesen:
John Strelecky: Das Café am Rande der Welt. Eine Erzählung über den Sinn des Lebens, 53. Auflage (Erstauflage 2003), dtv, München 2020, ISBN: 978-3-423-20969-4, 127 Seiten.

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Ein gutes Buch: „Unorthodox“ von Deborah Feldman

Vielleicht kennt ihr bereits die gleichnamige Mini-Serie, die 2020 bei Netflix erschien. Es handelt sich dabei um eine Adaption des autobiographischen Romans „Unorthodox“ von Deborah Feldman. Die Serie ist vom Buch nur inspiriert. Beide stehen eigenständig für sich selbst. Als ich letztes Jahr den Trailer sah, hatte ich vom Buch bereits gehört und die Geschichte machte mich neugierig. Mir gefiel die Bildsprache des Trailers und ich erlag dem Reiz einer unbekannten Kultur. Ich wollte mehr wissen. Die Verfilmung war beeindruckend, daher habe ich mich nun an die Lektüre der Buchvorlage gemacht. Ein starkes Buch, eine starke Verfilmung. Mir hat beides viel gegeben.

„Unorthodox“ wird als Enthüllungsbuch bezeichnet, da die Autorin ihre Erlebnisse in einer geschlossenen, religiösen Gemeinschaft mit der Öffentlichkeit teilt und sie kritisch hinterfragt. Ich habe das Buch vor allem als die ergreifende Autobiographie einer Frau meiner Generation gelesen. In entwicklungspsychologischer Hinsicht gelingt die Identifikation mit der Erzählerin sehr gut, doch findet diese Entwicklung in einem repressiven Umfeld statt. Ich war immer wieder darüber schockiert, welche Erfahrungen Feldman machte und wie unfrei sie erzogen wurde. Dieses Buch hat mir meine Privilegien wieder einmal vor Augen geführt.

Im Kontrast zur bitteren Realität der Handlung steht die innere Stärke und Haltung der Autorin. Dies macht die Geschichte von Deborah Feldman für mich so faszinierend. Sie berichtet über ihr Leben in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde der Satmarer in New York. Hineingeboren in eine chassidische Familie bestimmen religiöse Regeln ihr Leben, sie fühlt sich eingeengt und nicht zugehörig. Für Frauen lässt ihr Umfeld nur den Lebensentwurf der devoten Ehefrau und Mutter zu und innerhalb dieser Rolle gibt es keinen Raum für Individualität oder Selbstverwirklichung. Im Laufe der Jahre entfernt sich Feldman langsam von den strengen Werten und Normen. Mit Mitte zwanzig beschließt sie in ein unabhängiges Leben außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft aufzubrechen. Von dieser Entwicklung erzählt Feldman eindrucksvoll in ihrem Roman.

Die traditionelle Welt, in der die New Yorkerin aufwächst, scheint fast zeitlos zu sein. Obwohl Rauchwolken den Himmel verdunkeln, erreicht sie am 11. September 2001 die Nachricht von den Terroranschlägen wie aus einer anderen Welt. Dieses Ereignis und das gelegentliche Aufblitzen von Popkultur sind zeitliche Markierungen aus weiter Ferne. Bücher, Musik und Mode stehen für eine fremde Welt, nach der sich die junge Frau sehnt.

Bücher haben eine wichtige Bedeutung für Feldman. Die Mehrheit an Literatur ist ihr verboten, doch sie liest trotzdem. Bücher sind ständig ein Thema. Mal werden sie heimlich gelesen, mal schmerzlich vermisst. Sie sind das Tor zu einer anderen Welt, vermitteln neue Ideen und ermöglichten es ihr eine weitere Sprache zu lernen. Beeindruckend ist auch ihr Mut, mit dem sie Chancen ergreift. Mit jedem Buch und jeder Begegnung emanzipiert sie sich und der Glaube an ihre eigene Selbstwirksamkeit wächst. Bildung ist der Schlüssel zu ihrem neuen Leben.

Die Geschichte ist psychologisch klug erzählt. Ich konnte mich in die Protagonistin sehr gut einfühlen und auch die weiteren Personen sind empathisch beschrieben. Zwar teilt die Autorin nicht jede dieser Meinungen oder heißt deren Verhalten gut, doch kann sie andere Perspektiven und Lebensentwürfe plausibel vermitteln. Dabei zeigt sie das Dilemma auf, in das Menschen geraten können.

Die feinfühlige Erzählung von Feldman und die Einblicke, die sie in die Lebensart der chassidischen Glaubensgemeinschaft mit ihren Regeln und Traditionen gewährt, hat das Buch für mich zum echten Pageturner gemacht. Auch wenn Feldmans Jugend, mit ihren vollkommen anderen Erfahrungen, auf mich fremd wirkt und traurig macht, erzählt sie zugleich eine Geschichte über Emanzipation und die Suche nach einem authentischen Leben – und das ist uns wohl allen sehr vertraut.

Mein Fazit: Eine bewegende Geschichte. Unbedingt lesen!


Ich habe diese Ausgabe gelesen:
Deborah Feldman: Unorthodox, (engl. Erstausgabe 2012), 6. dt. Aufl., Secession Verlag für Literatur, Zürich 2016.

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