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Ein gutes Buch: „Unorthodox“ von Deborah Feldman

Vielleicht kennt ihr bereits die gleichnamige Mini-Serie, die 2020 bei Netflix erschien. Es handelt sich dabei um eine Adaption des autobiographischen Romans „Unorthodox“ von Deborah Feldman. Die Serie ist vom Buch nur inspiriert. Beide stehen eigenständig für sich selbst. Als ich letztes Jahr den Trailer sah, hatte ich vom Buch bereits gehört und die Geschichte machte mich neugierig. Mir gefiel die Bildsprache des Trailers und ich erlag dem Reiz einer unbekannten Kultur. Ich wollte mehr wissen. Die Verfilmung war beeindruckend, daher habe ich mich nun an die Lektüre der Buchvorlage gemacht. Ein starkes Buch, eine starke Verfilmung. Mir hat beides viel gegeben.

„Unorthodox“ wird als Enthüllungsbuch bezeichnet, da die Autorin ihre Erlebnisse in einer geschlossenen, religiösen Gemeinschaft mit der Öffentlichkeit teilt und sie kritisch hinterfragt. Ich habe das Buch vor allem als die ergreifende Autobiographie einer Frau meiner Generation gelesen. In entwicklungspsychologischer Hinsicht gelingt die Identifikation mit der Erzählerin sehr gut, doch findet diese Entwicklung in einem repressiven Umfeld statt. Ich war immer wieder darüber schockiert, welche Erfahrungen Feldman machte und wie unfrei sie erzogen wurde. Dieses Buch hat mir meine Privilegien wieder einmal vor Augen geführt.

Im Kontrast zur bitteren Realität der Handlung steht die innere Stärke und Haltung der Autorin. Dies macht die Geschichte von Deborah Feldman für mich so faszinierend. Sie berichtet über ihr Leben in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde der Satmarer in New York. Hineingeboren in eine chassidische Familie bestimmen religiöse Regeln ihr Leben, sie fühlt sich eingeengt und nicht zugehörig. Für Frauen lässt ihr Umfeld nur den Lebensentwurf der devoten Ehefrau und Mutter zu und innerhalb dieser Rolle gibt es keinen Raum für Individualität oder Selbstverwirklichung. Im Laufe der Jahre entfernt sich Feldman langsam von den strengen Werten und Normen. Mit Mitte zwanzig beschließt sie in ein unabhängiges Leben außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft aufzubrechen. Von dieser Entwicklung erzählt Feldman eindrucksvoll in ihrem Roman.

Die traditionelle Welt, in der die New Yorkerin aufwächst, scheint fast zeitlos zu sein. Obwohl Rauchwolken den Himmel verdunkeln, erreicht sie am 11. September 2001 die Nachricht von den Terroranschlägen wie aus einer anderen Welt. Dieses Ereignis und das gelegentliche Aufblitzen von Popkultur sind zeitliche Markierungen aus weiter Ferne. Bücher, Musik und Mode stehen für eine fremde Welt, nach der sich die junge Frau sehnt.

Bücher haben eine wichtige Bedeutung für Feldman. Die Mehrheit an Literatur ist ihr verboten, doch sie liest trotzdem. Bücher sind ständig ein Thema. Mal werden sie heimlich gelesen, mal schmerzlich vermisst. Sie sind das Tor zu einer anderen Welt, vermitteln neue Ideen und ermöglichten es ihr eine weitere Sprache zu lernen. Beeindruckend ist auch ihr Mut, mit dem sie Chancen ergreift. Mit jedem Buch und jeder Begegnung emanzipiert sie sich und der Glaube an ihre eigene Selbstwirksamkeit wächst. Bildung ist der Schlüssel zu ihrem neuen Leben.

Die Geschichte ist psychologisch klug erzählt. Ich konnte mich in die Protagonistin sehr gut einfühlen und auch die weiteren Personen sind empathisch beschrieben. Zwar teilt die Autorin nicht jede dieser Meinungen oder heißt deren Verhalten gut, doch kann sie andere Perspektiven und Lebensentwürfe plausibel vermitteln. Dabei zeigt sie das Dilemma auf, in das Menschen geraten können.

Die feinfühlige Erzählung von Feldman und die Einblicke, die sie in die Lebensart der chassidischen Glaubensgemeinschaft mit ihren Regeln und Traditionen gewährt, hat das Buch für mich zum echten Pageturner gemacht. Auch wenn Feldmans Jugend, mit ihren vollkommen anderen Erfahrungen, auf mich fremd wirkt und traurig macht, erzählt sie zugleich eine Geschichte über Emanzipation und die Suche nach einem authentischen Leben – und das ist uns wohl allen sehr vertraut.

Mein Fazit: Eine bewegende Geschichte. Unbedingt lesen!


Ich habe diese Ausgabe gelesen:
Deborah Feldman: Unorthodox, (engl. Erstausgabe 2012), 6. dt. Aufl., Secession Verlag für Literatur, Zürich 2016.

Mein Bücherstapel fürs neue Jahr 2021

Literaturgespräche und Buchtipps 2021

Neues Jahr – neues Leseglück und 2021 blogge ich erstmals darüber. Auf Instagram habe ich die Lesechallenge #12für2021 entdeckt. Das klingt perfekt für mich. Bisher habe ich mir solche Leseziele noch nicht gesetzt, da Lesen leicht sein soll, damit es Freude macht. Aber ein Buch im Monat sollte keine Hürde sein und dabei bleibt noch ausreichend Flexibilität für interessante Entdeckungen im Laufe des Jahres. Mit diesem entspannten Gefühl starte ich ins Lesejahr 2021. Tatsächlich stelle ich fest, dass die bisherige Buchauswahl mich motiviert.

Auf der Liste sind ein paar Bücher gelandet, für die ich bereits Gespräche mit Freundinnen geplant habe. Diese Titel habe ich unten mit einem Sternchen markiert. Andere Bücher sind von meinem SuB. Das beste an der Liste ist, dass ich mich kaum entscheiden kann, was ich als Nächstes lese. Also wenn das kein gutes Zeichen ist!

Auf dem Beitragsfoto sind nicht alle geplanten Titel zu sehen, denn zwei Bücher werde ich noch bei der Buchhändlerin meines Vertrauens abholen.

Das sind nun meine #12für2021:

Da ich hier in den nächsten Monaten auf diese Bücher ohnehin noch ausführlicher eingehen werde, möchte ich nur zu einer Auswahl etwas vorab anmerken.

Eigentlich kenne ich „Orlando“ von Virginia Woolf bereits. Es ist eines meiner Lieblingsbücher und daher möchte ich es unbedingt wieder einmal lesen. Es ist einfach schön, Geschichten zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Leben neu zu entdecken. Damit es in diesem Jahr auf jeden Fall klappt, habe ich „Orlando“ mit auf die Liste gesetzt. Da in den letzten Jahren das Thema Diversität stärker in die Öffentlichkeit gerückt ist, passt das Buch gut in die Zeit. Bei der Lektüre wird dieser gesellschaftliche Diskurs sicherlich im Hinterkopf sein.

Am Gelbstich meiner Ausgabe von „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir ist erkennbar, dass mich das Buch schon länger begleitet und mit mir reift. Es wartet darauf endlich von mir fertiggelesen zu werden. Daher nehme ich 2021 nochmal einen Anlauf. Da ich in den letzten Jahren andere feministische Bücher gelesen und dabei vieles von de Beauvoir wiedererkannt habe, muss ich einmal zurück zum Klassiker.

„Becoming“ von Michelle Obama habe ich damals schon in der englischen Ausgabe gelesen, als es in Oprah‘s Book Club vorgestellt wurde. Diese inspirierende Autobiographie hat mir sehr gut gefallen. Den Text nun zum Vergleich in der deutschen Fassung zu lesen und besonders auf das dazugehörige Buchgespräch mit einer Freundin, freue ich mich riesig.

Mit Blick auf diese wunderbaren Bücher für 2021, kann ich nur sagen: Es wird ein gutes Jahr!